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ARCH. FRITZ SPANNAGEL-MÜNCHEN □ BÜCHEE- UND MAPPENSCHRANK AUS DEM HERRENZIMMER
endeten Ausbildung seiner Zweckform bildet
er aber das Probestück der handwerklichen und
technischen Fähigkeit seines Urhebers. Spannagel
zeigt gerade im Bau und Formenreichtum
seiner Stühle ein bedeutendes Können und
reiche Erfindungskraft. Zugunsten der edlen
Form des Stuhles im gelben Zimmer wünschte
man fast den gelben Anstrich nicht auch auf die
Stühle übertragen, so gut er mit dem Gelbgrau
der Bezüge zusammengeht. Denn die farbige
Abtrennung in Zargenhöhe nimmt der Form
des Stuhlbeines etwas von der freien Plastik
und der Klarheit des Funktionsausdruckes. In
der prachtvollen Batikdecke mit ihrem tief violettbraunen
Grunde, der hell farbenreichen
Mitte und dem entsprechend behandelten Randbesatz
sammelt sich die farbige Haltung des
Raumes. Hier ist der letzte und reichste Akkord
eingesetzt — kein Fanfarengetön, sondern eine
vornehm starke Verankerung der Klänge, die
aus der weiteren und näheren Umgebung zusammenwirken
.
Auch die Möbel des Herrenzimmers (Abb.
Seite 166 bis 168) sind in Ahornholz gearbeitet,
diesmal grau gestrichen und lackiert, die Knöpfe
aus Nußbaumholz. Abgesehen von der Dek-
kung und Bewahrung der Holzteile bietet der
Anstrich, den man auch in früheren Zeiten
über gute Möbel zu legen sich nicht scheute,
die Möglichkeit einer beliebigen farbigen Zusammenstimmung
des Raumes. Die Polsterung
ist mit grauem, dünn blaugestreiftem Velour bezogen
und zeichnet sich gegen das gestrichene
Holz in angenehmer Stofflichkeit ab. Das
Grau der Möbel steht auf dem lebhaften glatten
Blaugrün der überstrichenen Tapete, während
das Weiß der Türen und Vorhänge mit
dem Weiß der Decke zusammenspricht. Der
Stuhl (S. 166) gewinnt durch die hohen Zargen
und die behagliche gefüllte Mulde der
Rückenlehne an Körperlichkeit. So gleicht er
sich in seiner geschlossenen Form dem massigeren
Charakter der übrigen Möbelstücke an.
Das Sofa (S. 167) gewinnt durch den standfesten
Unterbau, die ruhige Führung der Rük-
kenlehne und die schalenmäßige Form der
Seitenteile den Ausdruck des Zusammengenommenen
, beruhigend Bergenden. Der große Bücher
- und Mappenschrank (S. 168) offenbart
seinen Nutzwert als geräumiges Behältnis. Darüber
hinaus aber wirkt er in der klaren und
ruhigen Ausbreitung seiner Reliefflächen, des
Unter- und Oberbaus, als der Zimmerwand angeglichen
und in der einfachen und ruhigen
168
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