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AUSFÜHRUNG:
EUGEN EHRENBÖCK-
MÜNCHEN
ZU DEN ARBEITEN JOSEF GANGLS
Es ist eigentümlich, daß gerade jene, die die
Form ablehnen, unsere größten Meister der
Form als ihre Geistesverwandten ausgeben.
Gehen wir nur wenige Jahre zurück, so ruft der
Impressionismus die gleichen ersten Künstler
historischer Zeiten als Zeugen auf. Jede Phase
der modernen Kunst tut dies mit Recht; denn
in den besten Leistungen ihrer Einseitigkeit hat
sie teil an den Schöpfungen der Bedeutendsten.
Allerdings glaubt sie diese ganz zu umfassen,
während sie am alten Meister nur das eigene
enge Prinzip erkennt. Durch alle diese — sagen
wir einmal — Schlagwörter wird aber stets nur
die Masse der Mitläufer getroffen, der Kern
der Bewegung dagegen ist zugleich der Kern
der Entwicklung. Ihn sollten wir vor allem
schützen und fördern. Seine Isoliertheit ist
als Eigenschaft einer schöpferischen Natur
höchst künstlerisch. In ihm liegt der Keim
zum Bleibenden. Wo immer wir auf ihn
stoßen, findet sich das Gegenteil von Mache
und Notwendigkeit philosophischer Begründung.
Positive, eindeutige Begriffe treten uns als
Grundstufen entgegen: Talent, Können und
Ehrlichkeit.
Auch bei dem jungen Münchner Bildhauer
Josef Gangl sprechen sie aus allen Leistungen.
Dazu kommt ein trefflich gerüsteter Schulsack,
den ihm Prof. Wadere und Prof. Hahn mit
auf den Weg gegeben haben. Innige Auffassung
spricht das Kindergrabmal in Steinzeug aus.
Vielseitigkeit zeigen seine Elfenbeinschnitzereien
(Siegelstock) und seine Schnitzereien in Holz,
desgleichen die Wachsstöcke und Modelle für
Marzipan für die Kgl. Bayerische Hofwachs-
warenfabrik Gautsch in München. In Farbe
wie in Form zeigen sich diese intimen Entwürfe
eng mit dem Münchener Boden verwachsen
. Erfreuliche Beispiele für eine neue
Heimatkunst, die Kraft und Mut genug besitzt,
sich durch Ursprünglichkeit vor Internationali-
sierung zu bewahren. Besonders gehaltvolle
Stücke sehe ich in den „Weihnachtsgrüßen
aus der Heimat", weil in diesen Lösungen,
abgesehen von der meisterhaften Anpassung
an Technik und Material, etwas gewachsen ist,
das nur hier, in der Stadt der reichsten Überlieferung
des Kunsthandwerks und der Krippenkunst
, werden konnte.
Gleichsam eine Überleitung zu den Medaillen,
auf welchem Gebiet sich der Künstler schon
einen Namen gemacht hat, stellen die Messingtreibarbeit
und das elegante Bronzefigürchen
dar. Zumal dieses atmet in seiner Geschlossenheit
und Charakteristik einen neuen Geist.
Von den neueren Medaillen seien besonders
Dekorative Kunst. XXII. 6. M&.y 1919
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