http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0209
KÜNFTIGES BAUWESEN
EIN PROGRAMM
Die Revolution hat uns gewaltig vorwärts gebracht
. Wie bescheiden nehmen sich selbst
die kühnsten Forderungen aus, die für das allgemeine
Wohl in der vergangenen Zeit erhoben
wurden, gegenüber den Begriffen, die heute
bereits selbstverständlich geworden sind. Es
gilt also, sich ganz gehörig umzustellen, wenn
man das künftige Bauen bestimmen will. Was
werden wir bauen, für wen und wie ?
Bestimmend wird die Not sein; den Maßstab
wird die neue soziale Weltauffassung geben.
Das Lebensrecht eines jeden Mitmenschen beginnt
im allgemeinen Bewußtsein erst jetzt aus
der Phrase zur Wirklichkeit zu werden. Es
bedeutet, daß kein Stand durch die Art seiner
Arbeit hinter dem andern zurückgestellt werden
darf, daß die Güter des Lebens allen gleichmäßig
gehören und im Sinne dieser Gerechtigkeit
verteilt sein sollen. So wird all der Ballast einer
schlimmen Vergangenheit abgetan. Der Klassenhaß
vergeht. Die natürliche Zuchtwahl bestimmt
die Auswahl der Tüchtigen, da keine unsachlichen
Standesbegriffe die Berufswahl beeinflussen.
Ob diese Lehre sich verwirklichen läßt, hängt
davon ab, wie man den Übergang schaffen wird.
Hier gilt als oberstes Gesetz, daß nichts zerstört
werden darf, was zum Aufbau gehört.
Ganze Arbeit wird geleistet werden, wenn nicht
blindwütender Drang, sondern höchstes Verantwortungsbewußtsein
das Handeln bestimmt.
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