Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 40. Band.1919
Seite: 184
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0210
Es kann auch nicht das Ziel des Strebens
sein, alles allen zu verteilen. Das Ziel ist die
Menschheit als solche in höchster Entfaltung
aller Kräfte und alles Strebens, denn hierin liegt
das Glück, nicht im Besitz an sich. So wird
alles erhalten und gefördert werden müssen,
was dieses Streben steigert. Unter der Voraussetzung
, daß jedem der Weg offen ist, daß keinem
der Anteil versagt sein darf, muß daher auch
höherer Gewinn dem winken, der Höheres leistet.

Unter diesen Gesichtspunkten dürfen wir der
Zukunft voll Hoffnung entgegengehen und uns
klarmachen, welche Arbeit sie bescheren wird.
Die Forderung lautet: Allen Bürgern eine
Lebensmöglichkeit zu schaffen, die ihnen volle
Entwicklung zum Heil des Ganzen gewährt,
durch wirksames Eingreifen des Staates die
wirtschaftlichen Voraussetzungen zu bilden und
alle öffentlichen und privaten Mittel diesem
Zwecke zuzuführen, ohne durch verkehrte Form
der Belastung die privaten Kräfte aufzuheben.

Würde der Besitz gänzlich vernichtet, so
ginge der wesentlichste Teil der treibenden
Kräfte verloren, solange sich nicht das menschliche
Bewußtsein zu einem anderen Ziele persönlichen
Strebens entwickelt hat. Bis dahin
aber soll Besitz bestehen können. Er erhöht
das Streben nach Ordnung, steigert den Aufwand
an Energie und bedeutet die Rücklage für
größere Unternehmungen. Nur darf er nicht auf
Kosten des Lebensrechtes anderer entstehen und
kann dann auch nicht von Dauer sein.

Diese Erkenntnis, auf das Bauwesen angewendet
, ist die Wiederholung von Forderungen,
welche der Fachwelt wohl bekannt sind. Seit
der Städtebau ein wissenschaftlicher Begriff
geworden ist, sind wir uns bewußt, daß nur
umfassende Maßnahmen zum Ziele führen, daß
hierfür aber als Vorbedingung auch allseitige
Anerkennung des Zieles notwendig ist. Die
Bodenreformer, die Gartenstadtbewegung, die
Ansätze zu genossenschaftlichem Bauwesen,
schließlich auch die schön, aber unwirksam zu
Papier gebrachten städtebaulichen Planungen
waren bereits ein Ausdruck solcher Erkenntnis.

Nun aber ist erst die Zeit gekommen, daß
dieses Allgemeingut werden, auf der breitesten
Grundlage staatlicher Realpolitik, unter dem
zwingenden Gebot der wirtschaftlichen Lage
zu wirklichen Ergebnissen gelangen kann. Wo
früher der Fachmann an verschlossene Türen
pochte, findet er heute schon fertige Anträge
und Beschlüsse vor, ist sich die Öffentlichkeit
bereits über die Notwendigkeit einig. Ja mehr
noch: Die Zeit drängt, die gewaltigsten Aufgaben
sollen in kürzester Frist bewältigt sein,
so daß vor Überstürzung warnen muß, wer
früher tauben Ohren predigte.

Die aus dem Heeresdienst heimkehrenden
Millionen werden leichter Arbeit finden als
Unterkunft. Trotz der Verluste reicht das
Vorhandene nicht aus. Zahlreich waren die
Eheschließungen. Ein Heim sollen alle diese
Familien erst jetzt finden und zwar alle zugleich
. Was aber früher als Wohnung galt,
wird heute nicht mehr als solche anerkannt.
Fünf Jahre fast unterblieb ferner der regelmäßige
Zuwachs an Neubauten. Es muß also
gebaut werden. Was zunächst behelfsmäßig
geschieht, scheidet bei dieser Betrachtung aus.
Je weniger Mittel hierfür verwandt und somit
dauerhafter Arbeit entzogen werden, desto
günstiger schneidet man ab, desto früher erzielt
man wirkliche Ergebnisse.

Folgende Gesichtspunkte seien hierzu gegeben
:

Dezentralisation: Nicht gedankenloses
Anschachteln an vorhandene Ortschaften, sondern
freie Angliederung neuer Siedelungen,
durch ausreichendes Freiland gesondert, durch
Schnellbahnen in Zusammenhang gebracht.
Richtunggebend ist die Lage der Arbeitstätten.
Auch diese müssen daher, anders als bisher,
auf die angegliederten Siedlungen Bedacht
nehmen, sich unter Ausnutzung des platten
Landes weiter über das ganze Reich verteilen.
Die Verkehrspolitik muß hier mit der Baupolitik
zusammenarbeiten.

Der Maßstab muß der Zukunft Rechnung
tragen. Es müssen lebensfähige Gemeinwesen
entstehen, deren Bewohner nicht von der Welt
abgeschnittene Kolonisten werden, sondern am
Ort oder in dem System zusammengehöriger
Orte alle Vorteile größerer Gemeinden vorfinden.

Die Kostenfrage: Da es sich um eine
Pflicht aller gegen alle handelt, muß der Staat
eingreifen, um die Bodenpreise der Spekulation
zu entziehen, müssen kommunaler und privater
Besitz helfen. An Bodenreform, Erbbaurecht,
Geldbeihilfen und Hypothekenübernahme muß
man herantreten.

Die Baukosten werden an sich durch Steigerung
der Löhne und Mangel an Baustoffen erhöht.
Man wird diese staatlich bewirtschaften müssen,
durch Gewinnung an Ort und Stelle und Erfindung
günstiger Einheitsformen, wozu die
Wissenschaft beizutragen hat, Transport
sparen, die Transportmittel für gemeinnützige
Zwecke verbilligen. Durch kluge Beschränkung
der Planbildung, durch geschickte Anpassung
an die besonderen Verhältnisse kann wesentliche
Ersparnis erzielt werden. Die neuesten
Fachschriften, vor allem das Buch von Peter
Behrens und H. de Fries „Vom sparsamen
Bauen" weisen bereits auf aussichtsreiche Lösungen
hin.

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