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LUDWIG ENDERS
Die Entwicklung der Buchkunst bildet, nachdem
ihr Objekt von der Wirrnis ganz
äußerlicher Schrnuckausstattung, von all dem
mißverstandenen Schnörkelkram, den eine falsch
aufgefaßte Renaissancerichtung ihm übergeworfen
hatte, mit der Wiederkehr der Selbstbesinnung
befreit worden war, eine Parallelerscheinung
zu den wechselnden Stilprinzipien des übrigen
Kunstgewerbes. Begonnen hatte man damit
, den Buchschmuck ähnlich wie die Möbel
von allen überflüssigen Zutaten zu reinigen und
Bücher herzustellen, die ihre Schönheit nur in
der Erlesenheit des verwendeten Materials für
Druck, Papier und Einband und durch die
Einheitlichkeit, auf die diese drei Faktoren abgestimmt
wurden, suchten; überflüssiges Ornament
, Bilder, Leisten und Vignetten wurde vermieden
aus gesundem Reaktionsempfinden gegen
das frühere Übermaß in diesen Dingen.
Solcher Puritanismus, der sich nur gegen den
schlechten Schmuck oder gegen den Schmuck
Dekorative Kunst. XXII. 7. April 1919
an falscher Stelle richtete und hier im Anfang
der neuen Stilbewegung durchaus nötig und am
Platze war3 ist nun allmählich wieder einer reicheren
Buchverzierung gewichen; das Bekenntnis
zum Ornament, die Freude an einer üppigeren
und doch stilgerechten Schmückung der Bücher
ist wieder eingezogen bei uns und hat die
Leistungen zu den erlesensten Prachtstücken
eines aufs höchste verfeinerten Geschmackes
gesteigert.
Heute sind die Forderungen, die man damals
an Satz und Druck, Papier und Einband, an
die Illustration stellte, sind ebenso die damals
stark betonte Einheit und Einheitlichkeit der
künstlerischen Behandlung des Buches schon
Selbstverständlichkeiten geworden. Aber innerhalb
dieser Errungenschaften ist immer noch
ein reiches Betätigungsfeld der Individualitäten,
ein lebendiges Spiel der freien Kräfte ermöglicht
in dem jeder seine Neigungen und Veranlagungen
zu erproben und zu beweisen vermag,
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