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LINIENSCHIFF BAYERN
DIE SCHÖNHEIT DES MODERNEN SEESCHIFFES
Die reizvolle Erscheinung des die kristallene
Flut beherrschenden Seeschiffes hat von
jeher die darstellende Kunst in ihren Bann gezogen
und ihre Jünger zu schönen Leistungen
begeistert. Es muß wohl im Charakter des
Schiffes und seines Wirkungsbereiches, der so
manche Geheimnisse der Tiefe birgt, begründet
sein, warum das schwimmende Fahrzeug sich
dem Künstler als Gegenstand der Wiedergabe
geradezu aufdrängt, eine Erscheinung, die mit
dem Wesen des Schiffes als Gegenstand reiner
Zweckmäßigkeit eigentlich im Widerspruch steht.
Aber abgesehen davon liegt dem Schiff noch
die Erfüllung weiterer Aufgaben im ethischen
Sinne ob. Eine Welt für sich, nicht an Ort
und Stelle gebunden wie das Haus an Land,
eilt es über die Meere und trägt seine Insassen
fremden Zonen zu, wirkt es im Dienste von
Handel und Wissenschaft und vertritt vaterländische
Interessen. Verbindet sich mit solchen
Zielen eine bauliche Vollkommenheit und technische
Vollendung, die nicht allein berechtigten
Ansprüchen genügt, sondern auch künstlerischen
Anforderungen gerecht wird, so befähigen diese
Eigenschaften es zur Aufnahme in den Bereich
der Kunst, so daß der Gedanke naheliegt, den
Begriff der Kunst auf das Schiff allgemein zu
übertragen.
Wenn die Entwicklung des germanischen
Schiffbaus im Gotischen zu erblicken und das
Wesen der gotischen Kunst damit zu erklären
ist, daß sich in ihr alles der Konstruktion unterordnet
, um das Zweckmäßige zum künstlerischen
Ausdruck zu bringen, so gilt von ihr, daß in
der Zweckmäßigkeit die Schönheit gesucht
werden müsse. Und in der Tat ist ja auch
die Zweckmäßigkeit die Grundbedingung für
ein so heikles Gebäude, wie es das Schiff ist,
bei dem Daseinsbedingungen vorliegen, die im
Gegensatz zur Landarchitektur auf widerstandsschwachem
Material beruhen. Diese Art technischer
Schönheit ist kennzeichnend für unsere
Gegenwart. Man denke nur an die Entwicklung
des Eisenbahnwagens aus der Postkutsche
seligen Angedenkens heraus zum D-Zugwagen
oder des Automobils zu seiner heutigen sachgemäßen
Form.
Auch beim Schiffbau lohnt es, einen Blick
in die Vergangenheit zu tun. Schon in jenen
entlegenen Zeiten, wo die Geschichte sich mit
Dekorative Kunst. XXII. g. Juni 1913
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