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ser beiden Kunstanschauungen, der älteren wie
auch der neueren, kein Raum für einen Künstler
wie Heinrich Hönich sein kann, der
als Maler und als Graphiker von der Form in
jenem realistischen Sinne ausgeht, den man
sonst damit verbunden hat und der vielleicht
auch wieder einmal allgemeine Geltung gewinnen
wird. Hönich steht vollkommen jenseits
jeder offiziellen oder nicht offiziellen Richtung,
und zwar als Künstler ebenso wie als Mensch.
Das ist wohl auch der Grund, weshalb man ihn
noch wenig kennt. Und das ist sehr schade;
denn er verdiente es vielleicht mehr wie mancher
nur mittelmäßig Begabte, der es aber
nicht versäumt, sich irgend einer gerade modernen
Richtung behende und mit Selbstverleugnung
anzuschließen. Man ist leider immer
geneigt, solche Akrobaten der Kunst für Künstler
zu halten, nur weil sie es verstehen, sich die
äußeren Merkmale des Künstlertums (oder
richtiger: Artistentums) anzueignen. Und ebenso
häufig ist der Fall, daß man das echte, gediegene
künstlerische Wesen verkennt, weil es
sich nicht um die augenblicklich geltende Mode
kümmert, sondern sich nach eigenem Gutdünken
kleidet.
Hönichs Kunst ist, wie man aus dem Gesagten
schon ersehen kann, unmittelbarer Ausdruck
einer durch natürliche Veranlagung
nach dieser Richtung gedrängten Persönlichkeit
. Aber man irrt wohl nicht, wenn man
auch sein Österreichertum — er ist 1873 in der
Nähe von Reichenberg in Böhmen geboren —
ein bißchen, ja vielleicht sogar in entscheidender
Weise dafür verantwortlich macht. Diese
Freude an Einzelheiten, an kleinen und kleinsten
Dingen, mit einem Wort: dieser sachgetreue
Realismus ist eine Besonderheit der österreichischen
Kunst bis in die jüngste Zeit herein
gewesen, und er ist sogar dort noch nachweisbar
, wo der Stilismus und andere dem österreichischen
Wesen im Grunde fremde Elemente
ausschließlich zur Herrschaft gekommen sind.
Aber auch dieser Realismus hat wieder sein
Besonderes, das mit dem Wort süddeutsch
allein nicht hinreichend erklärt werden kann.
Während nämlich solche Wirklichkeitskunst
häufig in eine trockene, kalte Nüchternheit
verfällt, die kaum mehr etwas von Persönlichkeit
und ähnlichen schönen Dingen ahnen läßt,
weiß sich der österreichische Realismus die
volle Freiheit über die Umwelt zu wahren, und
die Wärme sinnlich-hingebenden Empfindens,
die zum Wesen dieser Kunst gehört, durchströmt
ihre Erzeugnisse mit einem schwer erklärbaren
, aber um so deutlicher fühlbaren belebenden
Fluidum.
Die Grundlage der Kunst Hönichs ist, wie
schon angedeutet, die Zeichnung. Und er ist
so sehr geborener Graphiker, daß selbst in seinen
Bildern, so farbenfrisch sie auch sein
mögen, die zeichnerische Struktur, also die
Form, das Ursprüngliche zu sein scheint. Das
Stoffgebiet seiner Kunst kennt keine Grenzen.
Was ihn interessiert, versucht er zu gestalten,
gleichviel, ob es eine Baumgruppe oder eine
Fabrikanlage, Mensch oder Pflanze ist. Aber
am wohlsten ist ihm doch in der Natur, vor
allem im Walde, und man darf ohne Übertreibung
sagen, daß es unter den lebenden
Künstlern nur wenige gibt, die es an genauester
Kenntnis der Einzelheiten von Baum und
Strauch, von Kräutern und Gräsern und, was
fast noch wichtiger ist, an Geduld und Können
beim Schildern des Gesehenen mit ihm aufnehmen
können. Seine Zeichnungen und Radierungen
mit Motiven aus der Urwaldwildnis
des Hochgebirges, wo mächtige, sturmzerzauste
Wettertannen ihr tausendfach verschlungenes
Geäst breiten oder halb abgestorbene Arven,
die letzten ihres Geschlechtes, als Zeugen
grauer Jahrhunderte einsam vegetieren, gehören
zu dem Erstaunlichsten, was die deutsche
Graphik auf diesem Gebiet geleistet hat. Und
es verdient besondere Beachtung, daß trotz
der unendlich genauen und treuen Wiedergabe
der letzten Einzelheit alle diese Arbeiten einen
Zug ins Große haben und zunächst durch den
Gesamtaufbau und die Komposition im gan-
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