http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0352
G.TRAUB □ ZEICHNUNG F.EINE GEBURTSANZEIGE
Richter also wäre der Künstler, auf dessen
Fühlen, Sehen und Schaffen die Art Traubs
letzten Endes zurückgeführt werden könnte.
Zeichnungen wie der „Wanderer", der hier reproduziert
ist, werden das jedem sofort verständlich
machen. Schon der Gegensatz zwischen
der Priesterprozession links und dem
Liebespaar rechts und der biedermeierliche
junge Mann, der sinnend zwischen diesen beiden
Extremen auf einem begrünten Felsen liegt,
ist eine Idee, in der Richterscher Geist lebt.
Und auch stilistisch steht die Zeichnung der
schlichten Art des deutschesten Meisters neuerer
Zeit ziemlich nahe, obwohl natürlich im einzelnen
auch wieder des Unterscheidenden genug
festzustellen wäre. So wird man z. B.,
wenn auch nicht gerade bei dieser Zeichnung,
aber bei dem großen Blatt „Fels im Walde",
mancherlei Berührungspunkte mit Ferdinand
Staeger finden, dem Traub persönlich nahe steht.
Man wird jedoch solche Anklänge nicht sozusagen
wörtlich nehmen dürfen, sondern sie
auf das zurückführen müssen, was sie tatsächlich
sind: Beweise dafür, daß Traub als Künstler
nicht vom Himmel gefallen und daß sein
Werk ein nützliches Glied in der Kette der
einander folgenden Stilrichtungen ist. Wesentlich
ist ja letzten Endes nur das, was einer
aus dem Übernommenen macht, und wie er die
Tradition fortsetzt. Und da muß, mit Bezug
auf Traub, gesagt werden, daß sein Schaffen
nicht etwa eine Modernisierung Richters anstrebt
, so wenig, wie es überflüssig ist, weil
Staeger, Broel und andere Meister der bis ins
kleinste durchgearbeiteten Landschaftszeichnung
und -Radierung auf ähnlichen Wegen
verwandten Zielen zustreben. Ein kurzer Blick
auf Arbeiten wie die beiden genannten muß
jedem Verständigen zur Erkenntnis der Tatsache
genügen, daß Traub mit voller Selbständigkeit
an die Lösung der Probleme herangegangen
ist, die er sich gestellt hat. Niemals könnte
jemand, der einigermaßen Bescheid weiß, diese
Blätter für bis jetzt unbekannte Arbeiten von
Richter oder Staeger halten. Man wird ganz
im Gegenteil rasch bemerken, wie originell in
jeder Einzelheit und auch in der Gesamtanlage
diese Blätter sind, und wie sich hier ein Stil
herausbildet, der charakteristisch genug zu werden
verspricht, um mit der Zeit jede Erinnerung
an andere Stile und Persönlichkeiten vollkommen
auszulöschen.
Besonders kennzeichnend für Traub sind aber
im Grunde weniger stilistisch-technische Dinge
als sein Phantasiereichtum oder, was vielleicht
den Kern der Sache noch besser trifft, ein
In-allen-Sätteln-gerecht-sein, das beinahe mit
einem Alles-Können gleichbedeutend ist. Selbstverständlich
ist das Naturgabe, aber es muß
GUSTAV TRAUB EXLIBRIS
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