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zu steuern unternommen wird, hat man auch
versucht, die Möbelnot durch zweckmäßige
Vorhaben zu beheben. Ein nicht weniger schwieriges
Unterfangen; denn wie sollen geschmacklich
einwandfreie und handwerklich gut gearbeitete
Gegenstände wohlfeil hergestellt werden,
wenn, um nur zwei Zahlen zu nennen, der
Kubikmeter gutes, astfreies, zu Möbelarbeiten
verwendbares Kiefernholz heute bis 500 Mark,
die Tischlerstunde in Berlin wenigstens 3,50 Mark
kostet.
In der Not haben viele Möbelsuchende ihre
Zuflucht zu Altmöbeln zu nehmen und gebrauchte
Einrichtungsstücke zu erstehen gesucht. Die
Folge der großen Nachfrage war ein unerhörtes
Hinaufgehen der Preise auf dem Altmöbelmarkt,
ein Möbelwucher, dem selbst behördliche Zwangsmittel
und Eingreifen der Gemeinden durch
Errichtung kommunaler Verkaufsstellen kaum
Abbruch taten. Um nun wenigstens nach Möglichkeit
in dieser schwierigen Lage den Möbelsuchenden
zu helfen, ist man vor etwa anderthalb
Jahren dazu übergegangen, unter Förderung
durch die staatlichen und kommunalen
Behörden und unter Mitwirkung der Kleinwohnungsvereine
, vor allem des Großberliner Vereins
für Kleinwohnungswesen, gemeinnützige
Organisationen, Hausratgesellschaften m. b. H.,
zuerst für Brandenburg, dann auch für andere
Landesteile zu schaffen, die es sich zur Aufgabe
gemacht haben, die Herstellung von Möbeln
für Minderbemittelte zu verhältnismäßig billigen
Preisen entweder selbst zu betreiben oder anzuregen
und zu fördern. Man ist dabei von
dem Gedanken ausgegangen, daß man mit dem
Vorteile des billigen, natürlich immer unter den
heutigen Verhältnissen billigen Preises auch die
von den Abzahlungsgeschäften gebotenen Annehmlichkeiten
der Teilzahlung verbinden müsse,
selbstverständlich unter Ausschaltung aller mit
diesen verknüpften unerquicklichen Erscheinungen
und Unsitten. Es wurde die Bestimmung
getroffen, daß ein Drittel des Kaufpreises angezahlt
wird, während der Rest in höchstens
24 Raten abzutragen ist. Vor allem wurde aber
mit der Beschaffungsmöglichkeit und der bequemen
und doch geschäftlich einwandfreien
Abzahlungseinrichtung eine kulturelle Förderung
und Erziehung der Käufer in geschmacklicher
Hinsicht wie der Wertung werktüchtiger
solider Arbeit erstrebt. Hierin ist auch heute
noch trotz der jahrzehntelangen Arbeit von
Werkbund, Dürerbund, Käuferbund und anderen
gleich gerichteten Organisationen viel zu
tun übrig. Noch immer herrscht eine Vorliebe
für Nußbaumimitation und Muschelaufsatz, noch
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