http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0374
als dekorative Einzelheiten das einfache Hausratsstück
als Ganzes zieren sollten. Ein einfacher
Kehlstoß an den Rahmenhölzern wird
dem Schmuckbedürfnis mehr entsprechen und
sachlicher wirken und dabei jede Verteuerung
vermeiden.
Wenn etwas das Gefühl der Wohnlichkeit
in unseren Zimmern erhöhen kann, so ist es
die reichliche Verwendung starker Farben. Von
diesem Gesichtspunkte aus müßte man farbigen
d. h. gestrichenen Möbeln weit mehr Verbreitung
als bisher wünschen. Aber dem stehen
wieder zwei Momente entgegen. Zunächst
die außerordentlichen Preise für Farben und
Lacke — kostet doch das Kilo Lack heute
40 Mark statt 2 Mark vor fünf Jahren — und
trotz dieser Preise ihre geringe Haltbarkeit,
die in kürzester Zeit das gestrichene Möbel
unansehnlich macht. Gerade bei dem einfachen
Hausrat, der genau wie das Kleinhaus nicht
ein Schau- sondern lediglich ein Gebrauchsstück
sein soll, muß baldige Abnutzung und teuere
Instandsetzungsarbeit unbedingt vermieden werden
. Wenn wir gegenwärtig keine guten Materialien
haben, dann müssen wir von der Verwendung
der Farbe leider absehen und haltbare
Beizen und einfache Lasuren benutzen.
Die Farbe im Raum kann immer noch genügend
zur Geltung kommen an Vorhängen, Bezügen
und sonstigen Stoffanwendungen, die
auch beim Papierstoff in den jetzt erzielten
lichtechten Farben und in vorzüglichen Mustern
den Zimmern einen schönen Schmuck verleihen.
Neben der Wirtschaftlichkeit kommt aber noch
ein weiteres Moment hinzu, das der Anwendung
gestrichener Möbel Grenzen setzt. Unsere
städtische Bevölkerung, wenigstens in Norddeutschland
, kann sich an gestrichene Möbel
bisher nicht gewöhnen. Im Gegensatz zum
Süden, namentlich Bayern, sieht der Bewohner
der norddeutschen Großstädte sie als zu bäurisch
an und würde sie, ausgenommen natürlich
die höchst unpraktischen weißlackierten
Gegenstände, nicht kaufen. Daß aber diese
Möbel ebenso wie das z. T. sehr gute Hausgerät
in Holz, Steingut, Porzellan, Ton, Metall,
das die Ausstellung zeigte und das die Hausrats
-Gesellschaften neuerdings mehr vertreiben
wollen, wirklich gekauft werden und nicht
lediglich Ausstellungsgegenstände bleiben, ist
doch die Hauptsache. Eine kulturelle und auch
soziale Wirksamkeit in der Schaffung guten,
gediegenen und wohlfeilen Hausrats wird man
nur dann entfalten können, wenn man diese
Dinge so schafft, daß sich für sie auch Käufer
finden. Da wird es ohne einige Konzessionen
nicht abgehen, will man überhaupt Einfluß auf
Geschmack und Wohnsitten gewinnen. Daß
dieser Einfluß sich aber weit mehr als bisher
auf die Kreise ausdehnt, für die diese Möbel
bestimmt sind, und daß sie vor allem von
Arbeitern mehr gekauft werden, wäre dringend
zu wünschen und dafür zu werben eine Aufgabe
, der sich die Arbeiter-Organisationen und
ihre Presse in Zukunft annehmen müssen.
Dr. ing. Alfred Wiener, Berlin
BÜFETT. ENTWURF: ARCH. KADACH, BERLIN. AUSF.: HAUSRAT G.M.B.H., BERLIN W
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