Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 40. Band.1919
Seite: 365
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ARCH. ALBINMÜLLER-DARMSTADT

der Hochrenaissance und der Architekten des
Klassizismus, der Ende des 18. Jahrhunderts
das Barock ablöste, zeigen durchaus jene einheitliche
Bauweise, die dem Gesetz der Stilreinheit
entspricht. Der griechische Tempel, jenes
unerreichte Symbol des klassischen Geistes,
duldet kein Bauglied eines anderen Stils. Ja
selbst das typische italienische Straßenbild, wie
es uns namentlich in den kleineren italienischen
Städten, aber auch noch in Florenz entgegentritt
, wird diesem Gesetze vollauf gerecht. Kein
Haus tritt störend in fremdem Stil aus der Zeile
hervor. Diese Anschauung beschränkt sich
wohlgemerkt nicht auf den klassischen Stil,
dem sie entsprungen ist. In Paris beispielsweise
sind die Häuser der meisten neueren Straßen
in einem einfachen Barock gehalten, bringen
aber so unbedingt den Eindruck eines einheitlichen
, stilreinen Straßenbildes hervor. In
Deutschland gewährt denselben Eindruck
Passau, das im 17. Jahrhundert durch Brand
verwüstet, unter dem Einfluß italienischer Baumeister
neu erstand, der über Tirol oder Böhmen
in jenem äußersten Zipfel Deutschlands
Eingang fand.

ZERLEGBARES HOLZHAUS: WOHNZIMMER

Dieses Gesetz der Stilreinheit, das dem klassischen
Schönheitsideal immanent ist, hat seine
Grundlage in dem Weltbilde der klassischen
Philosophie, insbesondere der platonischen
Ideenlehre. Plato sah die Vorbilder der Dinge
in den Ideen, die deren eigentliche Wahrheit
und Wirklichkeit darstellen, und die die Seele
in ihrer Präexistenz bereits erschaut hat. Die
Ideen im platonischen Sinne sind aber nach
Schopenhauer (Welt als Wille und Vorstellung
§ 49) „die wahre und einzige Quelle jedes
echten Kunstwerks". Das klassische Kunstwerk
zeigt daher die Welt in einer höheren Wahrheit
und Wirklichkeit, unter Fortlassung alles
Zufälligen und Fremden, in reiner, typischer
Schönheit. Aus der Fülle der menschlichen
Leiber hat der griechische Genius einige wenige
vorbildliche Typen entwickelt und ihnen die
Namen der griechischen Götter beigelegt. Diese
Typen sind so eindeutig und'unverwechselbar,
daß das geschulte Auge selbst dem Torso nach
kurzer Prüfung sein Geheimnis zu entreißen
vermag. Damit ist aber für unser Problem die
Lösung ohne weiteres gegeben. Die typische
Schönheit erfordert vor allem Stilreinheit,

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