Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 4
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0016
Vater Oliviers Erziehungsprogramm wohl vorgesehen
, aber er mochte doch sehr erstaunt gewesen
sein, als sich bei drei seiner Söhne, bei
Heinrich, Ferdinand und Friedrich, schon sehr
früh eine künstlerische Begabung dokumentierte,
die weit über die hübschen Erfolge liebenswürdigen
Dilettantentums hinauswies. Zweifellos
war die Begabung durch den in Vater Oliviers
Erziehungsanstalt als Lehrer für Sprachunterricht
tätigen, daneben auch als Zeichenlehrer
beschäftigten Doktor Karl Wilhelm Kolbe (1757
bis 1835), einem Verwandten Chodowieckis, gefördert
worden; Kolbe selbst, der nur äußerer
Umstände wegen in einer für die Kunstausübung
durchaus ungünstigen Zeit sich nicht
ganz seinen Neigungen hingeben und ausschließlich
der Kunst dienen konnte, hat als Schöpfer
landschaftlicher Radierungen einen guten Namen
. Die Schöpfungen seiner Nadel sind sehr
delikat in der Technik; in der Stimmung zog
er die idyllischen Motive vor. Das Beispiel Kolbes
, den ein liebenswürdiges Schicksal in Oliviers
Vaterhaus führte und den heranwachsenden Söhnen
nicht nur zum Lehrer, sondern auch zum
Freunde gab, erweckte in Ferdinand Olivier zuerst
die Vorliebe für das Landschaftsfach und
diese Vorliebe ist ihm geblieben, sie bestimmte
den Charakter seiner Kunst. Dieser Tatsache
tut auch der Umstand keinen Eintrag, daß
Olivier selbst sich gelegentlich einen „Historienmaler
" nennt: Historienmaler und Akademieprofessor
zu sein, schien nämlich damals schon
das Erstrebenswerteste und das höchste Ziel des
deutschen Malers.

Kolbes Einfluß beschränkte sich nicht auf den
Zeichenunterricht, er war den jungen Freunden
noch in höherem Grade Führer zu den Geistesschätzen
alter und neuer Literatur, er pflanzte,
an der Hand bester Autoren, in die jungen Herzen
das Reis einer auf das klasssiche Ideal des
Edlen, Hilfreichen und Guten gerichteten Weltanschauung
. Den Zeichenunterricht überließ
Kolbe später sogar einer anderen Kraft; es
war der Kupferstecher Christian Haldenwang
aus Durlach (1779—1831), der damals bei der
kalkographischen Gesellschaft in Dessau tätig
war. Nagler rühmt ihn als den Schöpfer schöner
Aquatintablätter, deren beste in der Dessauer
Periode des Künstlers entstanden : auch Haldenwang
war in erster Linie Landschafter, doch
hat er als reproduzierender Künstler auch Figurenbilder
nachgeschaffen. Ferdinand Oliviers
künstlerische Vorbereitungsarbeit erfuhr durch
Haldenwang keine wesentliche Veränderung der
Richtung, in die sie Kolbe gelenkt hatte.

Der Vater Olivier hätte gewünscht, daß der
Drittgeborene seiner Söhne, den er für den Befähigtsten
hielt, eben Ferdinand, das Erziehungswerk
, das er selbst begonnen, fortsetze und die
Unterrichtsanstalt dereinst an seiner Statt leite.
Er konnte sich deshalb nicht ohne weiteres entschließen
, ihm die Bahn zur bildenden Kunst
auf zutun. Als der angesehene Mann im Jahre 1802
als Erzieher der königlichen Kinder nach Berlin
berufen wurde, nahm er seinen Sohn Ferdinand
als Hilfsarbeiter mit. Doch dieser benützte den
Berliner Aufenthalt in seinem Sinn, indem er
sich — allerdings im Einverständnis mit seinem
Vater — bei Buchdrucker Unger, der als
Lehrer für Holzschneidekunst an der Berliner
Akademie tätig war und mit Recht als einer
der tüchtigsten Männer seines Faches galt, in
der Technik des Formschneidens unterweisen
ließ. Der Vater wollte die praktischen Möglichkeiten
dieses Unterrichts nicht ungenützt
vorübergehen lassen. Er gab damals ein großes
Elementarwerk heraus („Ortho-epographisches
Elementarwerk", 2 Bände, Dessau 1804 und
1806), dessen Illustrierung er in die Hände
seines Sohnes legte, auf dessen technische
Kenntnisse und künstlerische Fähigkeiten vertrauend
. Das Vertrauen wurde auch nicht
betrogen, wohl aber die Hoffnung des Vaters,
mit dieser Arbeit den Sohn für die Wissenschaft
zu gewinnen : der blieb, durch den
günstigen Erfolg seiner Illustratorentätigkeit
in seinen Absichten nur bestärkt, darauf bestehen
, Künstler zu werden und schließlich
gab sich Vater Olivier darein. Er erklärte
sich einverstanden, daß Ferdinand, gemeinsam
mit seinem älteren Bruder Heinrich, nach
Dresden gehe, das damals, als „Deutsches
Florenz" gefeiert, besonders um seiner Galerie
willen das heiß erstrebte Ziel aller jungen
Künstler bildete. Die beiden Olivier stürzten
sich begeistert in das künstlerische Treiben
Dresdens ; weniger von der Kunstweisheit, die
an der kursächsischen Akademie floß, als von
der ganzen künstlerischen Atmosphäre der
Stadt angemutet. K. D. Friedrich, Ph. Otto
Runge und Kersting lebten und schufen damals
in Dresden — Beweis genug, daß das Niveau
der Dresdner Künstlerschaft kein gewöhnliches
war. Ohne Schüler der Akademie zu werden,
bediente sich Ferdinand Olivier des Rates
zweier erfahrener Künstler, die der akademischen
Richtung nicht ferne standen. Der eine
war Jakob Wilhelm Mechau (1745 —1808), der
längere Zeit in Rom gelebt hatte und dessen
Goethe in seinem „Winckelmann" sehr günstig
gedenkt, der andere, Karl Kaaz (1776 —1810), war
ein junger Schwabe, der erst 1804 aus Italien
nach Dresden gekommen war. Beide waren
Landschafter, Olivier blieb also seiner alten
Neigung zur Landschaftsmalerei vorläufig treu.
Aus Weimar und Jena wehte damals eine

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