http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0040
Stelle. Alles wankt, ziellos experimentiert man.
Da mutet es eigenartig an, in der Gesellschaft
der Jungen, von andern Ufern Kommenden
und zu neuen Provinzen der Kunst Strebenden
einen zu finden, der im Jahre 1869 zum erstenmal
ausstellte, seitdem seinen Weg unbeirrt
weiterging und — nur qualitativ sie hoch überragend
— gar nicht so weit wegsteht von der
Jugend: es ist Albert von Keller. In Erinnerung
des historischen Moments hat er eine
Studie zu seinem Hauptwerk, der „Erweckung",
eine ungemein tonschöne Arbeit hervorgeholt
und neben Schöpfungen der jüngsten Zeit gestellt
. Keller, Zügel und Samberger repräsentieren
bei der „Secession" die ältere Generation,
die anderen Künstler dieser Gruppe innerhalb
der „Secession" blieben fern, offenbar,
um der nach den Novembertagen 1918 so ungestüm
propagierten Jugend in ihren Rechten
und Ansprüchen keinen Abbruch zu tun. Man
sieht viel Wildes von dieser Jugend, aber
nicht immer ist echte Leidenschaft, was sich
so gebärdet. Eine wirklich erfreuliche neue
Erscheinung ist Hugo Kunz, dessen packendes
, lebhaft bewegtes Damenbildnis man in
seinen Ausdrucksmitteln mit dem ruhevoll abgeklärten
, fast statuarischen Porträt einer alten
Dame, das Fritz Rhein sandte, vergleichen
muß, um sich der Ausdrucksmöglichkeiten der
individuellen Beseelung bewußt zu werden.
Scherer und Hüther findet man in guter Entwicklung
.
In den Sälen der Genossenschaft lassen Otto
Dill, Felix Baumhauer, der verzückte Madonnenmaler
, Constantin Gerhardinger und Thomas
Baumgartner (welchen beiden die technische
Tradition Leibis und seines Kreises nicht stumm
blieb) auch für die Zukunft viel Gutes erwarten,
während die Nachlaß-Ausstellung für Fritz Baer,
veranstaltet von der Luitpoldgruppe, in einigen
Stichproben ein abgeschlossenes Lebenswerk
verdeutlicht: ein elementarer Landschaftsmaler
steht dahinter.
Manches Erfreuliche findet man unter der
Plastik. Man notiert sich im besonderen die
Namen der Stuttgarter Ulfert Janssen und
Friedrich Thuma und der Münchner Hahn und
Jäckle. W.
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