Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 32
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0048
den Einzelfall hinaus, von der gesamten expressionistischen
Kunst. Die Linie führt, sie
spricht, sie hält den Ton, sie gibt den Takt, sie
bildet die Form, sie flicht die einzelnen Formen
zur Gruppe, die Gruppen zur Gesamtkomposition.
In der Führung der Silhouetten, in dem Auf
und Ab ihrer Kurven, in der langgezogenen
Steilheit ihres Aufbaus oder in der ausgreifenden
haschenden und zupackenden Überstürzung
ihrer Wellenkämme vermittelt sie dem lesenden
Auge das innere Erlebnis dessen, der sie mit
feinnervigster Hand zeichnet ; wenn sie sich
mühsam dahinschleppt, kriecht, wenn sie sich
wild aufbäumt, emporzüngelt, rankt, in endlose
Höhe strebt, wie tot daliegt, immer erzählt die
seelenvolle Linie vom seelenvollen Künstler,
vom kraftvollen Wollen oder todessehnsüchtiger
Resignation, von Jubel oder Schmerz.

Wenn Heinrich Wölfflin in seinem geistvollen
Buche „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe
" (Bruckmann, München, 1915) das Abwechseln
auf das Lineare gerichteter und auf
das Malerische gerichteter Perioden im Wandel
der Kunstgeschichte aller Zeiten überzeugend
uns vorstellt, so ergibt sich die Tatsache, daß
der Expressionismus eine lineare Periode beginnt
, nachdem die Herrschaft des Impressionismus
eine solche des malerischen Ideals war,
vollkommen im Einklang mit der Wölfflinschen
Theorie. Daran schließt sich nun, wie von selbst,
die Frage : Bedeuten also die Tendenzen des
modernsten Expressionismus kein absolutes No-
vum, nichts unbedingt Neues ? Finden wir nicht
vielmehr Parallelen zu auffälligen Erscheinungen
des modernen Expressionismus in jenen Perioden
früherer Zeiten, in welchen das lineare
Prinzip regierte? Mit einigen typischen Beispielen
, welche die Richtigkeit solcher Behauptung
beweisen, wollen wir im folgendem dienen.

Die alte Kölner Malerschule, speziell ihre
früheste Zeit, Ende des 14., Beginn des 15. Jahrhunderts
, zeigt auffallende Verwandtschaften mit
Tendenzen des modernstenExpressionismus. Man
sehe die Kunst des sogenannten „Meister Wilhelm
", etwa das Triptychon der „Madonna mit
der Bohnenblüte" im Erzbischöflichen Museum
zu Köln. Die Seitenflügel geben die Heiligen
Katharina und Barbara. Diese rein seelisch
empfundenen, gewollt himmlischen, von aller
Erdenschwere freien Heiligen sind nur auf die
Linienwirkung hin komponiert: schlank bis zur
Gebrechlichkeit, schulterlos, schmalbrüstig, die
Hände mit den feinen, überlangen Fingern fast
ohne Gliederung. Die Feinheit der Gesichtskonturen
ersetzt den physiognomischen Ausdruck
. Dadurch wirkt das leise gesenkte Haupt
mit seinem zarten Oval. Die fein gewundenen
Strichlein, welche die Augenbrauen markieren,

befehlen den Lidern, sich tief herabzuziehen, der
zarte Mund, den kein Lächeln umspielt, besteht
aus einem winzigen, welligen Strich. Man verkennt
das, was der Künstler wollte, wenn man
ihm fehlende Natürlichkeit, mangelnde anatomische
Kenntnisse vorwirft. Diemystische Philosophie
der mittelalterlichen Kölner Dominikanerschule
, der Meister Eckhardt, Suso, Tauler sollte
hier in figürlichem Linienspiel Gestaltung finden.
Darum war die Vergewaltigung des Körperlich-
Natürlichen durch die in der Linie fixierte transzendente
Idee Notwendigkeit. Dieselbe mit religiös
-mystischem Empfinden getränkte Linie,
dieselben überaus länglichen, hageren „entkör-
perlichten" heiligen Gestalten, geben der religiösen
Kunst des bekannten modernen Expressionisten
Josef Eberz das Gepräge. (Vergl.
Max Fischer: „Josef Eberz und der neue Weg
zur religiösen Malerei", Goltz-Verlag, München,
ic 18.) Bilder von Eberz, wie „Erscheinung",
„Ekstase", „Grablegung", „Christus auf dem See",
„Heidelberger Kreuzigung", sind überzeugendste
Proben ausgesprochener Linienmystik. Das
fein geschwungene Linienspiel in Eberz' „Heilige
mit der Lilie" ist das Gegenstück zur „Bohnenblüten
-Madonna" selbst, oder auch zur „Madonna
im Blumenhag", dieser Perle mittelalterlicher
rheinischer Kunst im Frankfurter Museum
. Die Erinnerung an Meister Wilhelms
„Madonna" rufen übrigens gewisse Halbfiguren-
bilder von Stanislaus Stückgold: „Elisabeth",
„Sinnendes Mädchen", „Frau mit der blauen
Blume" noch unmittelbar wach.

In der Bildhauerkunst stoßen wir sofort auf
ähnliche Erscheinungen. Die sich reckende und
streckende, allmählich graziös sich windende
gotische Kathedralenplastik, die Heiligen, Jungfrauen
und Ritter an den Domen zu Reims,
Magdeburg, Straßburg, Bamberg, deren volle
Wirkung aus dem Linienfluß erwächst, diese
künstlerischen Produkte einer viele Jahrhunderte
zurückliegenden Zeit bauen sich auf denselben
Prinzipien ideeller Liniensymbolik auf wie die
Skulpturen moderner Expressionisten, eines Wilhelm
Lehmbruck, eines Edwin Scharff. Nur auf
zwei aus derselben ideellen Quelle entspringende
auffällige Unnatürlichkeiten, welche die modernsten
expressionistischen Bildhauer mit den mittelalterlichen
Gotikern gemeinsam haben, sei hingewiesen
: die Vorliebe für die alles Naturmaß
weit überschreitende Längslinie in der Proportionalität
der Körperbildung und der im Vergleich
zur Gesamtproportion aller Körperteile
ganz unverhältnismäßig winzige Kopf. Um nur
je ein Beispiel zu nennen, wo uns diese Eigentümlichkeiten
jedesmal sofort in die Augen
springen: die Jungfrauen von der Paradiesespforte
im Dom zu Magdeburg (13. Jahrhun-

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