Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 35
(PDF, 126 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0051
„Neuen Münchener Secession", Albert Weisgerber
, beruhte, das zu erweisen braucht nur
an sein gefeiertes Gemälde „Jeremias" und an
seine vielen Sebastiansbilder erinnert zu werden.
Kars, Kirchner, Pechstein, Schiele, Schmidt-
Rottluff sind noch ein paar Namen von vielen,
die hier als besonders typisch herausgegriffen
werden könnten. Daß die Entkörperlichung,
die „Unnatürlichkeit" der durch ihre Konturen
solche lineare Wirkungen erzwingenden menschlichen
Figuren und sachlichen Kulissen bei den
modernen Expressionisten meist viel weiter geht
als bei den mittelalterlichen Meistern ist sekundär
gegenüber der Tatsache, daß die berechnete Kombination
beseelter Linien in beiden Fällen den Bildausdruck
gebärt. Man erkenne die fein empfundene
Diagonallinie, die auf Schongauers „Großer
Kreuztragung" der unter der Kreuzeslast zusammenbrechende
Heiland im Bildganzen bildet
und wie der hastig auf ihn losstürzende und
schlagende Scherge diese Diagonallinie wiederholt
, um ihre Bedeutung zu bekräftigen, zu
typisieren. Da haben wir ein mittelalterliches

Seitenstück zu Hodlers Parallelismus. Schon-
gauer steht mit seiner kräftvollen Liniensymbolik
selbstverständlich im Mittelalter nicht allein.
Dürer verwertet solche am eindrücklichsten in
seiner Holzschnittfolge zur Apokalypse, wo ja
schon das Thema, das nur Visionen festhalten
will und dem alles Körperliche Schimäre ist,
reiner Ideenexpressionismus ist. In mittelalterlichen
Miniaturen finden wir eine ganze Anzahl
besonders auf fallender Gegenstücke zum „Linienkultus
" unserer Modernsten. Blätter wie der Zug
Herzog Heinrichs in der Manesse-Handschrift,
wie die Initiale L (. iber generationis) aus dem
Evangeliar des Johann von Troppau werden an
Linienkompliziertheit und Linienausdruck kaum
von irgendwelcher modernen Leistung übertroffen
werden. Der Parallelismus in den Standarten
, trabenden Rossen, reitenden Rittern, in
dem Blatte des Codex Balduini Trevirensis „Kaiser
Heinrich VII. auf seinem Zuge nach Neapel"
ist geradezu verblüffend „hodlerisch".

(Der Schluß folgt)

FRITZ SCHERER

AM LEUCHTTURM

Münchtier Glaspalast-Ausstellung

35

5*


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