Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 57
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seinen Passionsfresken in der Kollegiatkirche zu
San Gimignano so übermächtiges Leben verleiht
, Überquillend z. B. im „Judaskuß", in der
„Geißelung", findet die modernen Anhänger
seiner Prinzipien in Karl Caspar, Gustav Jagers-
pacher und in der Leidenschaft, welche diese
Meister der Gegenwart aus der elementaren
Kraft der Linien und Formen ihrer ebenfalls
die Heilandspassion mit Vorliebe pflegenden
Kunst sprühen lassen. Diejenigen Sienesen des
Trecento dagegen, welche, der im allgemeinen
lyrischen Eigenart sienesischer Kunstauffassung
durchaus entsprechend, ihr zartes Empfinden in
dem nervös feinen und graziös gewundenen
Linienspiel der Konturen ihrer Madonnen und
Heiligen ausgegeben haben, etwa Simone Martini
und Ambruogio Lorenzetti, haben das Geheimnis
der sentimentalen Linie, der sanft beseelten
weichen Formung einer ganzen Reihe
moderner Expressionisten — von welchen wohl
nur eine kleine Minderzahl diese Vorläufer
kennt — vorausgenommen. Adolf Erbslöh,
Moriz Melzer, Otto Kopp, Willi Nowak, Otto
Th. W. Stein, Adolf Schinnerer, das sind modernste
Meister, bei welchen das Fundament

ihrer Gestaltungen völlig in der „sentimentalen
Linie" liegt und in der durch das zarte Zusammenweben
solcher geborenen sanften Form,
die oft genug wie ein Nebelgespinst im nächsten
Augenblick wieder zerrinnen zu wollen scheint.
Die 52 Lichtdrucktafeln in meinem Buche über
die „Blütezeit der sienesischen Malerei" (Heitz,
Straßburg) beweisen, abgesehen vom Buchtext,
selbst dem weniger geschulten Auge, daß die
Sienesen nicht nur die hauptsächlichsten Ideenmaler
der Italiener sind, — man denke an die
Allegorien in den Rathäusern zu Siena und
San Gimignano, an die weit überwiegende siene-
sische Autorschaft bei den Allegorien im Campo
Santo zu Pisa und in der Spanischen Kapelle
von Santa Maria Novella zu Florenz —
sondern auch die „Gefühlsfanatiker" und die
„Linienfanatiker" unter den Italienern, Daß
neben den primitiven Kölnern gerade die primitiven
Sienesen Verwandte der modernen Expressionisten
sind, kann demnach nicht mehr
verwundern. Die höchste Vollendung in der
künstlerischen Ausdeutung der sentimentalen
Linie gab allerdings ein von den Sienesen weit-
gehendst beeinflußter Florentiner des Quattro-

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