http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0079
PETER PÖPPELMANN
Ausstellung der Künstlervereinigung Dresden
BÜSTE
cento: Sandro Botticelli. Was als absoluter
Wert an Gefühlsinnigkeit und Grazie in die
Linie überhaupt hineingelegt werden kann, das
ist in Gemälden Botticellis wie „Magnificat",
„Madonna del Passeggio", „Primavera" unübertroffen
erreicht. Gerade in Botticellis Kompositionen
, überaus auffällig eben in der „Primavera
" mit dem Reigen der drei Grazien, ist
übrigens auch die Rhythmik, dieses ausgesprochen
musikalische Element in der modernen
expressionistischen Malerei, schon für die Vollbewertung
des Gesamteindrucks ganz ausschlaggebend
vorhanden. Zahlreich sind ferner
die „Parallelismen" in dem Primavera-
Bilde, die zwischen Flora und Zephyr springen
am kräftigsten in die Augen. Daß ein
Expressionist wie Heinrich Heidner, der in
bezug auf abgewogene Rhythmik und Harmonie
in der Komposition sozusagen zu den
allermusikalischsten unserer modernsten Künstler
gehört, sich eingestandenermaßen vor Gemälden
Botticellis am höchsten begeistert und
angeregt fühlt, erscheint da ganz natürlich, ja
selbstverständlich.
Der im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts
nach Christus im Schloß Runkelstein bei
Bozen in Tirol an die Wand gemalte „Reigentanz
" verdient in diesem Zusammenhang insofern
Interesse, als die rhythmischen Probleme,
die Bewegungsmotive, Takt, Harmonie — und
dies nicht nur bei den tanzenden Rittern und
Ritterfrauen, sondern auch in der Parallelstellung
, Streckung und Windung der Bäume
und dekorativen Pflanzenbildungen des Hintergrundes
- - für den Künstler ausschließlich das
Wesentliche waren, während er die körperliche
Erscheinung immer nur schematisch andeutete,
bewußt vernachlässigte. Hier haben wir zweifellos
im Prinzip schon das, was bei den „Tänzerinnen
" von Seurat, Cezanne, Matisse, Se-
verini, bei welchen sich die ganze Komposition
in ein ruheloses Spiel sich schwingender Linien
völlig auflöst, in bis zum äußersten Extrem sich
steigernder Weise auf die Spitze getrieben wird.
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