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stive Lebendigkeit die Zeichnungen und Stiche
so beredt gemacht hatte. Und Runge war nun
einmal — trotz seiner Worte von Licht, Farbe
und bewegendem Leben — durch und durch
eine Linearbegabung. Das Ölbild des „Morgen",
das einzige, das von den vieren überhaupt zustande
kam, hat Daniel später zerschnitten, gewiß
mit Kummer und zögernd; aber er war
der Zustimmung des verewigten Bruders gewiß.
Doch hier sind wir wieder bei „Licht und
Farbe". Für „Aufbau und Linie" kommen noch
drei Gemälde in Betracht — zwei davon sind
vielleicht das Schönste, was Runge überhaupt
geschaffen hat: „Wir drei" und das Elternbild.
Das dritte ist „Der Nachtigall Unterricht". Die
nähere Betrachtung gibt Aufschluß über das
Woher? dieser Kunst und zugleich einen so
tiefen Einblick in Runges Herz und Leben,
daß man dabei verweilen muß.
„Wir drei" sind Runge, seine junge Gattin und
sein Hamburger Bruder Daniel. Wie kam Daniel,
von all den zehn Geschwistern Runges gerade dieser
Bruder dazu, so eng an der Vereinigung der
Liebenden teilzunehmen? Welche geheimnisvolle
Kraft verkettet den einsamen Mann, der
sich mit bewußtem Abstandgefühl zurücklehnt,
so innig mit dem bräutlichen Paare, daß die
Finger seiner Linken in ausdruckvoller Verflechtung
die Hand seiner jungen Schwägerin
durchfalten? Mit Absicht hat Runge gerade
diesen lautredenden Zug eingefügt. Eine Entwurfzeichnung
hat die innige Gemeinsamkeit
noch nicht. — Was Daniel seinem Bruder war,
läßt sich nicht besser schildern als mit Philipp
Ottos eigenen Worten: „Du bist mir gut, lieber
Daniel, aber du weißt nicht, wie lieb ich dich
habe; ich will es dir einmal ganz sagen: wenn
du meiner bedürftest, sieh, es ist nicht viel,
für jemand zu sterben; für dich wollte ich
leben. Ich will dir folgen, lieber Daniel, aber
denke auch an mich."
Von Daniels Güte berichten, das heißt Ottos
Lehr- und Liebesgeschichte erzählen. Hier ist
sie — einfach, man möchte sagen, einfältig,
und rührend.
Im Juni 1801 kam Runge nach Dresden;
von allen deutschen Akademien schienen nur
Wien und Dresden in Betracht zu kommen;
seine Kopenhagener Malerfreunde Böhndell und
Eiffe bestimmten ihn, Dresden zu wählen. Seine
malerische Vorbildung war unbedeutend. Har-
dorff und Herterich in Hamburg hatten mehr
Anregung als Belehrung zu geben vermocht.
Jens Juel, Abildgaard und Wiedevelt in Kopenhagen
hätten wohl mit technischen Anweisungen
förderlich sein können. Aber mancherlei Hindernisse
ließen es nicht zu wirklicher Lehreinwirkung
kommen. Was am meisten im Wege
stand, war Runges eigene Seelenlage. Als neuntes
Kind von elfen hatte er das behäbige, aber doch
enge Vaterhaus in Wolgast früh verlassen und
in Hamburg bei dem bedeutend älteren Daniel
zunächst eine Kaufmannslehre durchmachen
müssen. Dabei war er, wie nicht zu verwundern
, an innerer Reife und künstlerischem Anspruch
weit über die dilettantisch erworbene
Fähigkeit hinausgewachsen, als er endlich zur
Kunstlehre kam — ein Mißverhältnis, das er
nie mehr überwunden und oft genug schmerzlich
beklagt hat. Und die Einstellung auf die
Weimarischen Kunstgedanken, von der noch
zu reden sein wird, hatte schon in Kopenhagen
ihre Wirkung getan — der „Triumph Amors"
zeugt davon — aber nicht in dem Sinne, daß
eine gediegene, allseitige, handwerkliche Schulung
dadurch eingeleitet worden wäre. Dies
alles sollte Dresden nun bessern.
Aber hier kam das Erlebnis, das die seelischen
Kräfte aufs Höchste anspannte und folglich
der nüchternen, aber so notwendigen Handausbildung
entgegenstand. Daß Runge sich gerade
jetzt in Pauline Bassenge verlieben mußte
— und das auf seine Art! — hat ihn den
letztmöglichen Zeitpunkt, ein großer Maler zu
werden, versäumen lassen. Dafür hat es ihn
ganz und gar sich selber gegeben . . . Pauline
war erst 16 Jahre alt, Runge ganz mittellos,
und seine Lebensaussichten konnte auch ein
wohlwollender Schwiegervater, trotz allem, nur
unbeträchtlich finden. Paulinens Hand wurde
ihm vorläufig verweigert. — Daniel muß helfen
, wie er immer geholfen hat, und nicht nur
seinem Otto. Er verspricht, dem jungen Paar
in Hamburg ein gesichertes Heim zu schaffen
und zu gewährleisten. Der Gütige tut dabei,
als seien Ottos eigenen, höchst phantastischen
Erwerbspläne hinlänglich vertrauenerweckend.
Und so kommt es schließlich denn doch zur
Verlobung.
Für Runges Kunst und für seine Art zu leben
und zu lieben ist „Der Nachtigall Unterricht"
höchst bezeichnend. Wie bei den Tageszeiten wird
das Bild auf dem gemalten Rahmen variiert. Das
kräftige, dunkellockige Mädchen sitzt im Eichengebüsch
und lehrt auf ihrer Doppelflöte, die ein
Putto hält, die Nachtigall singen. Das Grundgefühl
ist ganz Zartheit; der Gedanke ist eine
richtige Jünglingshyperbel; die Gestaltung —
wie hat er damit gerungen! — bleibt in der
Farbe hart, im Körperlichen plump, im Ganzen
fühlbar schülerhaft. Und wie reich und
wie liebenswürdig trotz allem! Klopstock und
Kosegarten und Tieck haben daran mitgemalt;
aber das allein tat es freilich nicht . . .
Pauline war eine kleine, rundliche Brünette,
und für „Der Nachtigall Unterricht" gewiß kein
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