http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0116
PH. O. RUNGE
DER ABEND
unendlicher Geschlechter — in all ihrem steifen
Staat schlicht und gebeugt, die Hand auf dem
Leibe. Der ältere Knabe, der das unsicher tappelnde
Kleine von der Feuerlilie abwehrt —
wie treffend in seinem fragenden Aufblick, artig,
und schon jetzt mitverantwortlich für die mindere
Einsicht des Jüngeren! Alles ist so gestellt
und gewendet, daß überall die ausdruckvollste —
nicht immer die schönste — Kurve hervorspringt.
Kein Strich auf der großen Tafel bleibt stumm;
man kann sie einem vortrefflichen Epos vergleichen
— unendlich vieles, erschöpfendes wird gesagt,
aber ohne Geschwätzigkeit. Kein Wort ist zuviel.
Nur die gewissenhafteste, lückenlose Durcharbeitung
des Bildgedankens in Flächengliederung
und Aufbau konnte dies Denkmalgleichnis
zustande bringen. Auf dem ganzen Bilde
ist keine Kurve, kein Pinselpunkt, kein Lichtfleck
, keine Schattenmasse, die nicht mit größter
Geduld auf den deutlichsten Ausdruck hin
abgemessen und ausgewogen wäre. Noch einmal
: wo hat Runge das gelernt?
Überall, in Kopenhagen und in Dresden, bemühte
er sich außerhalb seiner akademischen
Studien um ganz bestimmte Eigenarbeiten, denen
er die größte Ausdauer und Geduld, die ganze
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