http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0142
EMIL PREETORIUS □ RÜCKENZEICHNUNG UND VIGNETTE ZU WEDEKINDS LAUTENLIEDERN
Drei Masken-Verlag, Berlin
wir die Venus des Lucas Cranach, Vorbilder aus alten
Boccacciohandschriften, Minnesängerillustrationen
und Figuren des japanischen
Holzschnittes wiedererkennen.
Eine derartige Vignette genügt
bereits unter Umständen als
Schmuck des Buchdeckels. In
Leistenform aneinandergereiht, ergibt
sich ein Buchrücken, der in
scharfer Prägung alle Feinheiten
des Striches zur Geltung bringt.
Der moderne Roman, die Novelle
und andere Unterhaltungsbücher
, kurzum die gesamte Belletristik
, als deren künstlerischer
Interpret sich Preetorius besonders
stark betätigt, verlangt eine
Buchhülle von leichterer und gesprächigerer
Form. Und hier hat
der Künstler eine ungeheure Fülle
der originellsten Einfälle verwertet
, aus der wir wiederum nur
einige Proben geben können. Es
gilt da oft, im Titelbilde sozusagen
in nuce den Kern des Inhaltes
festzuhalten.
Das Buch soll in der Auslage
des Buchhändlers auffällig wirken,
darf aber trotzdem nicht reklame-
schreierisch erscheinen. Die Far-
bengebung muß gewissen technischen
Forderungen untergeordnet,
d. h. es dürfen nur einige Farben
in ein und demselben Bilde verwendet
werden. Für die großen
Verlage, von Georg Müller, Kurt
Wolff, Insel, Hyperion, Hans
v. Weber und andere hat Preetorius
die Mehrzahl der dort in den letzten
Jahren erschienenen Bücher mit
Einbandzeichnungen geschmückt.
Auch noch auf ein anderes, im
allgemeinen noch sehr vernachläs-
BRANTOME
DAS LEBENDER
GALANTEN
DAMEN
I
sigtes Gebiet hat der Künstler seine Tätigkeit
ausgedehnt, da er für den Mainzer Verlag von
H.Schotts Söhne, wohl dem ersten
Musikverlag, der in großem Maßstabe
auf künstlerische Umschläge
der Noten Wert legte, eine Reihe
prächtiger Umschläge, meist in
Schattenrissen, entwarf.
Die oben erwähnten Eigenschaften
des Bucheinbandes leiten zu
einem weiteren Arbeitsfeld unseres
vielseitigen Meisters über: dem
Plakat. Dieselben Mittel, die für
die Buchillustration verwendet werden
, kommen auch hier in Betracht,
nur mit dem Unterschied, daß die
Wirkung eine augenfälligere sein
muß und sich bei den größeren
Dimensionen Schwächen der Zeichnung
unter Umständen störender
bemerkbar machen.
Preetorius erweist sich auch hier
als der sichere Zeichner, der Beherrscher
der Linie und als geschmackvoller
Farbenkünstler, der
nicht mit lauten Kontrasten und
wilder Buntheit, sondern gerade in
der leisen Tönung großer Flächen
eine harmonische Gesamtwirkung
zu erzielen weiß.
Soeben erscheint im Verlage
Kurt Wolff eine Mappe, „Bildnisse",
köstliche Karikaturen enthaltend,
die in ihrer pointierten Übercharakteristik
eine seltene Komik ausstrahlen
. Man könnte vor dem Por-
trätisten Preetorius warnen, denn
er ist ein gefährlich scharfer Beobachter
, der sich ein Vergnügen
daraus macht, die kleinen Laster
und Eigentümlichkeiten seiner Mitmenschen
mit seinem sicher geführten
Stifte festzuhalten.
116
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0142