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Sammlung, aus der die schönen Landschaften
von Ferdinand v. Kobell kamen, herangezogen
, endlich auch Versetzungen aus der
Alten Pmakothek in die Neue betätigt, insofern
z. B. Werke des Frankfurter Meisters
des ausklingenden Rokokos, Christian Georg
Schütz d. Ä. und des Münchner Bildnismalers
Joseph Georg Edlinger, aus der Sammlung
älterer Gemälde in die der neueren transferiert
wurden. Die Neue Pinakothek wurde
also in ihrem Darstellungskomplex durch Verlängerung
nach rückwärts erweitert, während
ihr anderseits das zeitgenössische und jüngstvergangene
Schaffen, soweit es sich in der Richtung
einer der entschlossenen ,,Moderne" zu-
getanenen Entwicklung bewegt, abgenommen
wurde und der von Generaldirektor Friedrich
Dörnhöffer in Auswirkung seines großangelegten
Organisationsplanes des bayerischen Kunstbesitzes
neugegründeten und im Kunstausstellungs
-Gebäude am Königsplatz (dem früheren
„Secessions" - Gebäude) installierten ,.Neuen
Staatsgalerie;' einverleibt wurde. Über diese bedeutungsvolle
Neuschöpfung, der die Darstellung
des internationalen Entwicklungsganges
malerischen und plastischen Schaffens Europas
etwa seit dem Jahre 1880 als Aufgabenkreis zugewiesen
wurde, wird noch eingehend zu sprechen
sein, hier ist sie nur als Abzweigung eines beträchtlichen
Besitzteiles der Neuen Pinakothek
und als aufgabenbegrenzendes Moment zu erwähnen
. Durch die Überführung zahlreichen
Kunstgutes in die Neue Staatsgalerie konnte endlich
Raum und Luft in der Pinakothek geschaffen
werden, nur so war eine gründliche Aufforstung
in den Reihen der vorimpressionistischen Gemälde
und die Schließung der Lücken möglich.
Die Platzkalamität der Neuen Pinakothek war
damit allein zwar nicht zu beheben, aber doch
gründlich anzubahnen. Das zweite, radikalere
Mittel: die Ausschaltung zahlreichen Ballasts,
der von Jahr zu Jahr mehr anschwoll, aber immerzu
mitgeschleppt wurde, ließ sich in Verbindung
mit einer gründlichen Umgruppierung des Sammlungsbestandes
für die Beteiligten schmerzloser
bewerkstelligen. Manches von diesen ausgeschalteten
Bildern wird in den Depots verschwinden
und es wird ihm niemand nachtrauern
, anderes soll in die Filialgalerien, wo
es im allgemeinen an Werken der zeitgenössischen
Malerei sehr gebricht (besonders in
Augsburg), versetzt, wieder anderes zum
Schmuck repräsentativer Räume in staatlichen
Gebäuden verwendet werden. Gewiß wird nicht
jeder mit allen „Ausschiffungen", die von der
Leitung der Sammlung vorgenommen wurden,
einverstanden sein. Sobald man sich aber darüber
klar geworden ist, daß nur eine sehr
gründliche Säuberung der Pinakothek der ständigen
Raumnot zu steuern vermag, und daß
man den besten Willen und die Unparteilichkeit
der Direktion zweifellos voraussetzen darf,
wird man sich auch mit der Tatsache abfinden,
daß manches Bild verschwand, gegen dessen
Qualität kein Einwand zu erheben war, während
manch anderes, das unbestreitbar schwächer
ist, im Ensemble der Sammlung verblieb.
Man darf eben nicht übersehen, daß Gründe
des Formats und der dekorativen Gruppierung
bei dieser Erscheinung mitgesprochen haben.
Als Luft geschaffen war, konnte zunächst die
Abgrenzung des Darstellungskomplexes der
Sammlung erfolgen, sodann aber an deren Erneuerung
, Verbesserung und qualitative Auffüllung
gegangen werden.
König Ludwig I. von Bayern, der sich etwa
zu Mitte der 1840 er Jahre zur Stiftung der
Neuen Pinakothek entschlossen hatte und ihr
aus Privatmitteln in den Jahren 1846 —1853
durch August Voit das architektonisch reizlose,
aber den musealen Zwecken immerhin recht
gut dienende Gebäude an der Barerstraße errichten
ließ, gedachte in dieser Sammlung vor
allem eine Reihe von Monumentalbildern zu
vereinigen. Etwas Historisch-Zyklisches, dem
didaktischen Enzyklopädismus seiner Kunstanschauung
Entsprechendes, scheint ihm dabei vorgeschwebt
zu haben, so wie es im Griechen-
Saal Karl Rottmanns Tatsache wurde und mit
der Aneinanderreihung der Riesenbilder Kaulbachs
, Schorns, Peter v. Heß' u. a. angebahnt
war. Die sogenannten „Kabinettbilder" hat er,
wie die meisten seiner Zeitgenossen, neben den
Riesenschwarten als Kunst zweiten Ranges, als
geringer zu bewertende Sammlungsobjekte, angesehen
. Heute sind wir bekanntlich nicht mehr
gewillt, die Kunst nach dem Format und die
Qualität mit dem Meterstab zu bewerten. Im
Gegenteil: Nicht allein räumliche Zweckmäßigkeitsgründe
, sondern die Erkenntnis, daß ein
Monumentalbild auf seiner Riesenfläche eher
flaue Stellen zeigen wird als ein sorgfältig durchgeführtes
Kleinbild, in dem sich auch die Persönlichkeit
des Künstlers intimer ausspricht,
veranlaßt die Sammlungsleiter, lieber nach malerischen
,,morceaux" als nach „Galeriemaschinen"
zu greifen. Moderne Galerien, d. h. solche, die
erst in den letzten Jahrzehnten entstanden, wie
die meisten rheinischen Kunstsammlungen, haben
überhaupt kaum ein Gemälde von größeren
Dimensionen in ihren Sälen. Die Vermutung
lag nahe, daß bei der Neuordnung der Neuen
Pinakothek die Riesenbilder nun gleichfalls verschwinden
und der Raum anderen Zwecken
dienstbar gemacht würde. Aber das geschah
nicht. Zwar wurden einige der Riesenbilder
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