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aufgestellt sind: den aus Graz nach München
eingewanderten, vielbeschäftigten Bildnismaler
Joseph Georg Edlinger, dessen Porträts bei aller
Sachlichkeit so locker und bewegt in der Malerei
sind, vornehm-bürgerlich in der Auffassung,
künstlerisch-hemmungslos in der Ausformung,
sodann die verschiedenen Landschaftsmaler, die
aus dem Bannkreis der Landeshauptstadt stammen
, nach München kamen und hier ihre anmutigen
Landschäftchen malten: Dorner, die
beiden Dillis, Wagenbauer, Quaglio.
Alle diese Vedutisten überragt weit der Sohn
Ferdinand v. Kobells, der prächtige Wilhelm
v. Kobell, dessen vielverzweigtes Werk, das Ergebnis
eines langen und arbeitsreichen Lebens
sich nun endlich nach dem starken Eindruck,
den man auf der Berliner Jahrhundert-Ausstellung
von ihm gewann, zu festerer Vorstellung
zusammenzuschließen beginnt. Wilhelm v. Kobell
selbst bezeichnete sich als Schlachtenmaler. Faktisch
trifft das einen wichtigen Teil seiner malerischen
Tätigkeit, aber die Art der Schlachtenmalerei
, die Wilhelm v. Kobell betrieb, weicht
gründlich ab von der Schlachtenmalerei seiner
Zeitgenossen, etwa eines Albrecht Adam, wie
auch von der Schlachtenmalerei, die sich im und
nach dem Jahre 1870 in Deutschland auftat. Das
Programmbild der Schlachtenmalerei Kobells ist
die wundervolle „Belagerung von Kosel", die
jetzt aus dem Armeemuseum in die Neue Pinakothek
geholt und an bevorzugtem Platze gehängt
wurde. Viel mehr als das Militärische
spricht das Atmosphärische des Bildes, wichtiger
als die Bataille ist die Landschaft. Und
doch ist es ein ausgesprochen kriegerisches Bild,
nicht eine militärisch staffierte Landschaft. In
den atmosphärischen Begebenheiten liegt das
Besondere, sie tragen die Stimmung, die erfüllt
scheint von der Melancholie der dämmernden
Stunde des Schlachtmorgens im Sinne Theodor
Körners: „Ahnungsgrauend, todesmutig —
Bricht der große Morgen an — Und die Sonne
kalt und blutig — Leuchtet unserer blut'gen
Bahn." Ganz anders ist die Stimmung auf Wilhelm
von Kobells riesigem Bild der „Schlacht bei
Wagram", das aus dem sogenannten Schlachtenoder
Siegessaal im Festsaalbau der Residenz
hierher versetzt wurde. Dort gibt es noch weitere
Schlachtenbilder Kobells (Brieg, Breslau,
Arnhofen, Eggmühl, Polozk), aber zweifellos
war es ein ausgezeichneter Griff, gerade dieses
Bild mit der prachtvoll gemalten Luft und der
ausgezeichnet zum Bild geformten landschaftlichen
Weiträumigkeit für die Neue Pinakothek
auszuwählen, wo es als Gegenstück zu dem
schon dort befindlichen Gemälde W. v. Kobells
„Das Treffen bei Hanau", das weniger leicht
und beschwingt gemalt ist, sondern mehr in
Stoff lichkeit befangen bleibt, trefflich Figur macht.
Was das Bild auszeichnet, ist die starke vorbildliche
Gesamtwirkung, das Totalbild in seiner
Großheit, trotzdem bis in die letzte Einzelheit
der Details gegangen ist, dabei tritt auch hier
ein kaum in Worte zu fassender Sinn für das
Atmosphärische und eine ungeheuere Kraft, es
malerisch auszudrücken, in Erscheinung. Kleinere
Arbeiten Kobells, die seiner mittleren Periode
angehören, wurden von Schleißheim hereingebracht
, manches mit holländischen Anklängen,
alles von größter Subtilität und Gediegenheit der
Malerei. Auf alle Fälle ist Wilhelm v. Kobell
nun endlich für die Geschichte der Münchner
Malerei als Persönlichkeit wie als Begriff gewonnen
; sein Werk beherrscht das erste Drittel
des Jahrhunderts, und so erscheint er auch in
der neugeordneten Pinakothek.
Ganz gewiß ist viel Liebenswürdiges unter
den Bildern der Weg-, Zeit- und Schulgenossen
W. v. Kobells, die sich als Landschafts- und
Architekturmaler bezeichneten, aber was schon
die Ausstellung der Münchner Graphischen
Sammlung erkennen ließ, findet hier seine Bestätigung
: es ist ein Abstand von Kobell zu
ihnen. Weigmann nannte diese Künstler damals
„Die Vedutenmaler" — vielleicht doch eine etwas
zu summarische und das Empfindungsmäßige
in den Landschaften dieser Künstler stark in
Zweifel stellende Zusammenfassung und Namen-
gebung. Aber es ist etwas daran: das Stoffliche
ist für die Kunst dieser Maler entscheidend
, auf alle Fälle ist es ihr Ausgangspunkt,
und kommt dabei etwas so Liebenswürdiges
heraus wie die Münchner Ansichten Domenico
Quaglios und Michael Nehers oder die köstlich
frischen Landschaften aus Münchens Umgebung
, die Dillis und Wagenbauer malten,
so muß man es doch als einen glücklichen
Zufall und als eine Wirkung der guten Tradition
malerischer Kultur im alten München
betrachten. Diese Überlieferung hat gerade im
Bezirk der Landschaftsmalerei ungemein lange
nachgewirkt und davon kann man sich, in den
Nordkabinetten von Raum zu Raum, Jahrzehnt
um Jahrzehnt bis etwa in die siebziger Jahre
hinein vordringend, unschwer überzeugen.
Brachten auch Spitzweg, Schleich und besonders
Adolf Lier, dessen Werk nun endlich (freilich
zumeist aus den in der ganzen Galerie
stark vertretenen „Leihgaben" aufgebaut) in der
Pinakothek in dem Maße vertreten ist, wie es
der Bedeutung des Meisters angemessen ist,
von ihren Eindrücken, die sie besonders in
Paris und von den Werken der Barbizon-
Meister gewonnen, viel in die Münchner Landschaftsmalerei
herein, indem sie eine Intimisie-
rung der Naturanschauung und eine starke
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