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nicht so nahe. Selbst in Frankreich hat er
keine eigentliche Schule gegründet; wohl kann
man bei manchen Künstlern seine Einwirkung
feststellen, aber im ganzen war seine Auffassung
doch eine zu persönliche eigene Angelegenheit
, um direkte Schüler heranzuziehen.
Renoirs Malerei, sonst mit Problemen wenig
beschwert, läßt sich doch in ihrer Stellung innerhalb
des Impressionismus schwer bestimmen.
Und es scheint, daß dies mehr eine Folge unserer
Stellungnahme zu der damaligen Bewegung
ist, die wir heute schon fast von
historischer Warte aus übersehen, wodurch
uns Zusammenhänge, noch mehr vielleicht aber
trennende Momente in schärferem Lichte erscheinen
als früher. Das stolze einheitliche
Gebäude eines Impressionismus scheint zusammenzustürzen
, wenn man außer Cezanne auch
noch Renoir, auch noch eine der „vier tragenden
Säulen," daraus entfernen muß. Renoirs
Malerei aber in ihrem Verhältnisse zum Impressionismus
wird am besten eine Schilderung
seiner Entwicklung begreifen lehren.
Der Künstler, der am 25. Februar 1841 zu
Limoges geboren war, begann seine Tätigkeit
zunächst als Porzellanmaler in Paris; in dem
Atelier Gleyres, in das er, zwanzig Jahre alt,
eintrat, schloß er Freundschaft mit Monet,
Sisley und Bacille; namentlich von den beiden
ersteren wurde er auf Courbet hingewiesen, in
dessen Zeichen seine ersten uns erhaltenen
Werke stehen, das Cabaret de la mere Anthony
(1866) und die Diana als Jägerin vom
folgenden Jahre, die die dunkle, breite Malweise
des Meisters von Omans, aber auch seine
etwas schwere Darstellung mitbekamen.
Aber aus dem gleichen Jahre 1867 stammt das
früheste Meisterwerk des jungen Malers, die
„Lise" im Folkwang-Museum in Hagen. Ähnlich
wie die Diana zehrt auch diese Figur von
dem Kontraste eines hellen Körpers gegen
einen dunklen Hintergrund; aber wie leicht
und luftig ist das weiße Kostüm gemalt, überaus
zart und durchsichtig die auf dem Kleid
spielenden wenigen Schatten. In der legeren
momentanen Hellung kündigt sich schon ebenso
der spätere Renoir an wie in der etwas
stark getriebenen Modellierung. Auch in dem
Hauptwerke des folgenden Jahres, dem „Ehepaar
Sisley im Garten", das heute das Kölner
Wallraf-Richartz-Museum besitzt, finden sich
Andeutungen, die auf spätere Eigentümlichkeiten
des Künstlers weisen, eine leichte Süßigkeit
und Sentimentalität, die besonders in der
Haltung der jungen Frau sich aufdrängt. Bei
allen vorzüglichen malerischen Qualitäten des
Bildes kommt doch das psychologische Moment
eines solchen Doppelbildnisses in eine
etwas falsche Beleuchtung, die allerdings durch
das Farbenensemble einigermaßen ausgeglichen
wird.
In jenen Jahren scheint eine Unsicherheit und
auch ein Tasten nach neuen Anregungen den
Maler beseelt zu haben. Zeigen diese bisher besprochenen
Arbeiten mit einer ziemlich ausreichenden
Deutlichkeit den Einfluß Courbets und
auch Manets, so sucht Renoir nun nach anderen
Göttern. Delacroix wird zu Rate gezogen
und seine „Algerischen Frauen" in den Renoirstil
umgesetzt in einem Bilde, dem der Künstler
selbst den Titel gab „Als algerische Frauen
verkleidete Pariserinnen". Die Huldigung des ewig
Weiblichen, dem der Künstler sein ganzes Leben
geweiht, setzt mit starken Akzenten ein. Auch
die Halbfigur einer Dame aus dem Jahre 1870
stehtim Schatten Delacroix', während ein stehendes
Damenbildnis ihn auch in den Spuren von
Alf. Stevens wandelnd zeigt. Aber diese Schwächen
gehen vorüber. Das Jahr 1874 zeigt den
Künstler auf einem Höhepunkt.
In der „Theaterloge" hat Renoir das ganze
große Können seines Pinsels aufgeboten, ein Stück
französischer Eleganz, zugleich einen Ausschnitt
eines beschaulichen Lebens, dessen Wiedergabe
seinem Gefühle am nächsten lag, zu schildern. Das
gleiche Jahr zeigt ihn im Wettbewerb mit Degas
bei der Schilderung einer kindlichen Tänzerin,
im Wettbewerb freilich nur im Stofflichen, ein
Stück beruhigten Lebens, ohne Degas' flatternde
Linie, ohne den Wirbel seiner momentanen Bewegung
, aber ein delikat gemaltes Bild mit dem
locker gemalten Mullröckchen, dem duftig hingehauchten
Haar. Und der gleiche Schmelz der
Farbe erfüllt in der Loge all das Frou-Frou
der Damentoilette mit prickelndem Leben und
leiht selbst dem monotonen Schwarz und Weiß
des Herrenkostüms in dem Spiel der tausendfältigen
Nuancen eine noch fast üppige Wirkung.
Damals hält auf Renoirs Palette das Rokoko
seinen Einzug: Helles Blau, Rosa, Gelb dominieren
neben Schwarz, das in zahlreichen Tonwerten
erscheint. Und auch an die Darstellung
bewegten Lebens geht nun der Künstler mit dem
Tanzbild aus „Moulin de la Galette" (im Luxem-
bourg). Hier ist die Formauflösung dem darzustellenden
Problem zuliebe ziemlich weit getrieben
, wohl am weitesten in allen seinen größeren
Werken; schon früher hatte er in der lebensgroßen
Reiterin rasche Bewegung festzuhalten
versucht, nicht mit dem besten Erfolg, da die
klare, präzise Form der Wiedergabe des Trabens
beim Pferde nicht besonders günstig war. Hier,
in der „Moulin de la Galette", einem Freilichtbilde
in der Art Manets und Monets, vibriert
das Licht auf den tanzenden Paaren, spiegelt sich
mit tausend Reflexen auf allen Körpern, denen
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