http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0218
über befinden. Die eigenartig festlich feierliche
Theateratmosphäre weiß Charlotte Berend in
ganz besonderer Art zum Ausdrucke zu bringen.
Alle Abarten menschlicher Typen von der ausgelassensten
Fröhlichkeit bis zur tragisch einsamen
Heldengröße ziehen, an unserem Auge
vorüber. Aber nicht nur die Künstler selbst
werden uns vorgestellt, wir werden auch hinter
die Kulissen geführt, wo der Regisseur auf
schmaler Estrade seines Amtes waltet und der
Kostümkünstlerin seinem bunten Reiche herrscht.
Und schließlich blicken wir noch in den Orchesterraum
. Zwei Blätter, die wegen ihrer
künstlerischen Qualität besonders hervorgehoben
zu werden verdienen, sind flotte Impressionen
des in der Vertiefung vor der Bühne im seltsamen
Scheine kleiner flackernder Lämpchen
agierenden Orchesters. Was uns an den Arbeiten
Charlotte Berends immer wieder interessiert
, ist das Temperament, mit dem sie ihren
Objekten gegenübertritt. Man würde diese
Arbeiten (ebenso wie die früheren Werke der
Pallenberg- und der Berbermappe) schwerlich
als weiblichen Augen und einer weiblichen Hand
entsprungen erkennen. Nicht daß sie so herb
und gewaltig wären wie z. B. die Darstellungen
einer Käthe Kollwitz —, sie bergen
auch nichts von dem Zarten und Schmiegsamen
femininer Gestaltungsfähigkeit. Vielmehr bewegt
sich Charlotte Berend auf einer Bahn, die in
ihrer prickelnden Sinnlichkeit wohl noch nie
von weiblicher Seite derart zum Ausdrucke gebracht
worden ist. Diesen Blättern, da der Mime,
dessen Element die Sinnlichkeit ist, d. h. das
sinnlich Darstellbare und sinnlich Gefaßte, nicht
als der Mensch, sondern vielmehr als „Rolle"
gesehen ist und sein will, kommt die Auffassung
der Künstlerin in hohem Maße zugute. Sie bewältigt
das Technische fast spielend, sie huscht
über die Erscheinung hin, packt sie hier und dort,
steigert den Effekt durch neckische Betonung,
übertreibt absichtlich, besonders durch die Farbe,
die als buntes Widerspiel in all diese Blätter gegossen
ist und Tragik wie Komik in scheckigem
Wirrwarr ausklingen läßt. Denn das, was Ihr
hier seht, ist ja nur Theater. Karl Schwarz
AUGUST GAUL
KÄUZE (BRONZE)
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