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ALFRED MARXER
DAMENPORTRÄT
nissen vergangener Jahre hat er erst in der
letzten Zeit das Porträt gepflegt: wohlabgewogen
, geschmackvoll in der äußeren Haltung,
gründlich, ohne Pose und Geistreicheleien sind
alle seine Menschenschilderungen. Wie er sich
selbst mit seinen großen, forschenden Augen
studiert hat, so sind auch seine Dargestellten
auf ihre inneren Werte und geistigen Potenzen
hin geprüft und erkannt. Und die Landschaft
unterliegt der gleichen Wandlung, der Mensch
mit seinen Gefühlen wird in sie verflochten,
sehnsuchtsvoll blickt er mit uns, dem Beschauer
, nach fernen Bergen — romantische
Motive in neuem Gewand treten auf. Wie Marxer
in seinen Farben mehr die ernsten, vollen Töne
liebt, den silbrigen Glanz einer goldenen Pracht
vorzieht, so schwingen auch seine Empfindungen
zwischen einer fast nachdenklich tiefen Art
und stiller, idyllischer Gelassenheit.
Die künstlerische Höhe, die Marxer erreicht
hat, gestattet ihm Ideen zu gestalten, innere
Bilder in Formen zu bringen, ohne fürchten zu
müssen mit seinem Können hinter dem Wollen
zurückzubleiben. Paris, das ihm soviel gegeben,
das er unermüdlich durchwandert hat, Paris
mit seiner großen Geschichte, seiner lebhaften,
beweglichen Bevölkerung hat manches seiner
späteren Werke inspiriert. Sein Pariser Nachtstück
löst eine flüchtige Erinnerung an Viktor
Hugos „Notre Dame" aus: wie ein unverrückbares
Naturgesetz, eine unbeugsame Macht ragt
die Vergangenheit, die Kathedrale Notre Dame;
vor dieser regt sich die kleine, nervöse, wichtigtuerische
Gegenwart. Diese Dinge, wie „Paris",
oder „Der Weg unserer Zeit" werden bei Marxer
nicht zur Alltagsproduktion gehören —■ er trägt
solche Gedanken lang aus — billige Effekte
hat er in seiner Technik vermieden, billige Bildstoffe
wird er nicht zu Markt bringen. Man
hat bei Marxer die erfreuliche Beruhigung: er
wird immer lieber ein guter Maler, als ein schlechter
Dichter sein wollen. E. Hanfstaengl
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