http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0229
ALFRED MARXER
NOTRE DAME
der Blätter seiner Mappe Ähnliches ahnen und
unterstellen.
In den sechs (ersten) Landschaftsblättern
schwingt das künstlerische Pendel zwischen Romantik
und Stilismus. Nicht ein Blatt, das nicht
etwa literarischen Untergrund haben könnte, vom
rhythmisch lockeren Volkslied an bis zu den mystisch
hieratischen Gedichtmosaiken Stefan Georges
. Natürlich ist die literarische Unterlage völlig
ausgeschlossen. Aber in dieser zweigesichtigen
Haltung liegt das Kunstmäßige Münchs: Altes
ehren, Neues nicht wehren, das Eigene mehren.
Nur drei Typen seien genannt: Im ältesten
„Vorfrühling" (Nr. 4) klingt etwas nach wie der
Volkston von „Am Brunnen vor dem Tore". Aber
wie hat das Stilgefühl Münchs die naturalistischen
Werte der gekalkten Baumstämme und des Mauerwerks
in die Kunstform umzuprägen verstanden!
Wie ist in der „Seligen Stille" (Nr. 6) die ätherische
Wolkenfuge mit dem basso continuo des Gegenspieles
im gebundenen Erdreich durch die zwei
orgelpunktartigen Bäumchenkulissen in einen
himmlischen Satz von strengster und doch zartklingender
Reinheit gesetzt, während Schauer
melancholischer Tragik und Erschütterung im
„Wintergrauen" (Nr. 5) aus Form und Farbe unzweideutig
, vielleicht noch etwas zu stark mit Einzelheiten
unterstrichen, zu uns sprechen.
Diesen Landschaftsstimmungen als romantischen
Klängen stehen die Bildnisköpfe gegenüber,
die in der Strenge des Stiles und des Ausdrucks
für unsere Zeit auffallend sind. Es mag von zeitgenössischen
Künstlern freiere, geistreichere Improvisationen
an Porträts geben; allein an Bildwirkung
geschlossenere, an formaler Durchführung
sorgfältigere und doch groß gesehene werden
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