Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 200
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0236
Schirmer, der das Handwerk seines Vaters erlernte
, zeigte Begabung für Zeichnen und Radieren
, aber er betrieb beides amateurhaft, ohne
auch nur einen Augenblick daran zu denken,
selbst Künstler zu werden. Daß es Leute gebe,
die sich durch Zeichnen und Malen ihr tägliches
Brot verdienen und vielleicht auch noch
das eine oder andere darüber hinaus, Berufskünstler
also, war ihm eine völlig unbekannte
Tatsache: wie hätte er auch in der niederrheinischen
Festungsstadt und in der von handwerklicher
Solidität getragenen und mit vielen
familiären Sorgen beschwerten Umwelt des Vaterhauses
davon erfahren sollen! Bis eines Tages
ein Geschäftsfreund von Schirmer senior, der
Düsseldorfer Buchbindermeister Severin, die stillen
Kreise des Jülicher Idylls in Wallung versetzte
. Er trat in die Schirmersche Buchbinderwerkstätte
, sah dort die zeichnerischen und
radistischen Versuche Johann Wilhelms und
war begeistert. Er sprach von Akademie, von
Direktor Cornelius und Professor Kolbe und
von einer eigenen Tochter, die Kunstunterricht
genieße — kurz und gut, Herrn Severins Erscheinen
in Jülich wurde zum erregenden Moment
in Johann Wilhelm Schirmers Künstlerdrama
.

Der Beschluß, nach Düsseldorf überzusiedeln,
in Severins Werkstätte als zünftiger Buchbindergeselle
zu arbeiten und gleichzeitig an der
Akademie zu studieren, war kaum gefaßt und
vom Vater (mehr in der ersten Hälfte als in
der zweiten) nach einigem Zögern gebilligt, als
ihm die Ausführung folgte. An einem März-
tag( des Jahres 1825, morgens um 6 Uhr, marschierte
der unternehmungslustige Siebzehnjährige
zum Heimatstädtchen hinaus und hielt
auf Düsseldorf zu. Dreißig gute, harte Taler
trug er in seinem Felleisen und glaubte, er sei
ein Krösus.

Unbedenklich opferte er den ersten Taler für
die akademische Einschreibgebühr und durfte
nun, wenn er sein Arbeitspensum in der Buchbinderwerkstätte
vollendet hatte, in der Elementarklasse
der Akademie nach Lithographien
raffaelische Bilder nachzeichnen. Dazu staunte
er aus respektvoller Entfernung Peter Cornelius
an, der damals — schon im Begriff, dauernd
nach München zu übersiedeln — gerade den
Karton der Zerstörung Trojas vollendet hatte.
Die gesamte Schülerschaft war feierlich geladen
, sich das Werk anzusehen, es ging nicht
ohne das übliche cornelianische Pathos, aber
für Schirmer war die zweifellos sehr theatralische
Szene von der größten Bedeutung, denn
es war seine erste Begegnung mit wirklicher
Kunst. Das verspürte er auch und er war infolgedessen
voll der Gelöbnisse und Vorsätze.

Diese Düsseldorfer Anfänge hat Schirmer
selbst in dem Fragment einer Autobiographie,
die leider nicht über die Anfänge hinausgeriet,
sehr anschaulich und mit dem guten Humor
des Arrivierten, der auf seine stammelnden Versuche
mit wohlwollendem Lächeln zurückblicken
kann, geschildert. Man liest darin von den pedantischen
Quälereien der Gipsklasse, von den
raffinierten Manieren der Kunstschüler, ihre
Lehrer zu prellen, und nimmt das Ganze als
einen sehr wichtigen, auch heute noch aktuellen
Beitrag zu dem leider unerschöpflichen
Kapitel von den Bitternissen des akademischen
Lehrbetriebs.

Der Abgang des Direktors Cornelius nach
München und der Aufzug Schadows, der vier
Schüler aus Berlin mitbrachte: Hübner, Karl
Sohn, Hildebrandt und Lessing, wurde für
Schirmer bedeutungsvoll, denn außer Sonderland
und Hosemann fand der neue Akademiegewaltige
unter dem angetroffenen Schülermaterial
nur Schirmer für würdig, in die von
ihm begründete „Spezialklasse" einzutreten.
Schirmer war überglücklich, aber er hatte keinen
Grund dazu; was konnte es ihm, dem ausgesprochenen
Landschaftsmaler, von Nutzen
sein, an Schadows Evangelistenbildern mitpinseln
zu dürfen ? Allmählich sah er das auch
ein, und namentlich Karl Friedrich Lessing,
sein Mitschüler, bestärkte ihn in dieser Anschauung
. Lessing landschafterte, ganz unabhängig
von der Akademie, auf eigene Faust
und lud Schirmer ein, es ihm gleich zu tun.
Da aber in biedermeierlicher Zeit jede derartige
Verbindung ein feierliches geselliges Gepräge
erhalten mußte, so gründeten die beiden
Maljünglinge im Winter 1827 auf 1828 einen
„Landschaftlichen Komponierverein". Schadow
war gewissermaßen Protektor; er ließ die jungen
Leute machen und dachte ganz richtig,
wenn etwas Gescheites draus werden solle, so
werde es, auch ohne daß die Akademie eingreife
.

In diesem Verein und besonders in der längere
Zeit nachwirkenden Verbindung und Arbeitsgemeinschaft
mit Lessing wurzeln Schirmers
ernsthafter zu nehmende künstlerische
Anfänge. Er lernte lyrische Stimmung in ein
Bild zu füllen. Er las die Gedichte der Romantiker
, besonders Uhlands, und wurde der
Illustrator ihrer Stimmungen. Er zeichnete
Waldkapellen und malte seinen „Urwald", sein
erstes Bild, von dem man weiß. Es hat ihm den
Beinamen des Waldromantikers eingetragen,
eine Bezeichnung, die auf keine seiner Entwicklungsperioden
besser paßt als auf seine Frühzeit
, die unter dem Einfluß Lessings stand.
Eine Schülerschaft Schirmers bei Lessing hatte

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