Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 208
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0244
erste, was er malt, sind die Pinien der Villa
Borghese. Er zieht in der Campagna umher,
in die Sabiner- und Albanerberge hinein. Dann
ist er wieder in Rom und hat an dem Maler
Willers, dessen schöne Arbeiten man in der
Münchner Schack-Galerie studieren kann, und
an dem Philosophen Carriere gute Gesellschaft.
Ein Ausflug nach Capri wird gemacht. Natürlich
werden auch die Galerien und Kunstschätze
besichtigt, aber die lebendige Natur und die
künstlerische Atmosphäre der Stadt sprechen
lauter zu Schirmer als die Zeugen der Vorzeit.
Im Spätsommer 1840 geht es heim; Ende Oktober
ist Schirmer wieder in Düsseldorf.

Was er in diesen 15 Monaten in dem eindrucksfähigsten
und aufnahmefreudigsten Lebensalter
erlebt hatte, galt es nun zu verarbeiten
, zu übersetzen. Italien war ihm die
Weihe des Lebens und der Kunst geworden.
Die Romantik, ihm seinerzeit durch Lessing
vermittelt, war ausgetilgt. An ihre Stelle war
das klassische Ideal der Antike getreten, eine
Verbindung von schlichter, idyllischer Anmut
und Klarheit mit festlichem Pathos. Beziehungen
zu Rottmann ergaben sich — sie beruhten nicht
auf dem Motiv, sondern saßen im Geistigen.

Den gereiften, seinen Stil beherrschenden
und seiner Kunst bewußten Mann begehrte die
Düsseldorfer Akademie als Lehrer. Sein innerer
Reichtum, sein positiv-praktisches Können, endlich
seine menschlichen Eigenschaften befähigten
ihn ausgezeichnet zum künstlerischen Lehramt.
Er wurde einer der einflußreichsten Kunsterzieher
Deutschlands; in seinen Schülern lebt
er vielleicht noch bedeutungsvoller fort als in
seinen eigenen Werken, denn die besten kamen
zu ihm und gingen aus seinem Düsseldorfer
(und später aus seinem Karlsruher) Atelier
hervor: Böcklin, Thoma, Stäbli, Lugo, denen
man etwa noch Eugen Bracht, Philipp Roth,
Kalckreuth d. Ä. gesellen mag, um die Geschmeidigkeit
und Vielseitigkeit des Lehrers, dem seine
Schüler bis in ihre alten Tage eine begeisterte
Verehrung entgegenbrachten, zu kennzeichnen.

Im Jahre 1854 erfolgte Schirmers Berufung
an die Karlsruher Akademie: das heißt, es gab
damals in Karlsruhe noch gar keine Akademie,
Schirmer sollte sie erst schaffen und dann selbst
an ihre Spitze treten. Das brachte viel organisatorische
Arbeit, und alle möglichen Besichtigungsreisen
waren nötig, die eigene Kunstübung
litt darunter. Aber schließlich war die Anstalt zustande
gebracht, ein kleiner tüchtiger Lehrkörper
wirkte, die Hauptarbeit aber blieb an Schirmer
hängen. Er lebte sich indessen mit den Seinigen
gut in Karlsruhe ein und war glücklich,
als er tüchtige Schüler kommen und gehen sah.
Zu den ersten, die bei ihm eintraten, gehörten

Thoma und Stäbli, das war ein verheißungsvoller
Anfang.

Schirmers eigene Tätigkeit erfuhr in Karlsruhe
eine Wendung. Bis dahin hatte ihn Italien
ausschließlich beherrscht, jetzt trat ein Neues
hinzu: die Bibel. Schirmer war eine tief religiöse
Natur, ein positiver Christ und das Lesen
in der Heiligen Schrift, im Buch der Bücher,
war ihm stets eine köstliche Weihe. Wie hätte
da seine Kunst unberührt bleiben sollen! Aber
als Landschaftsmaler konnte Schirmer nicht in
der Art der Nazarener oder ihrer Nachzügler
,,Heiligenbilder" malen, religiöse Szenen und
Bibelbegebenheiten, sondern der Fall mußte
sich bei ihm komplizieren. Er schuf Bibellandschaften
, bei denen sich nicht so ohne weiteres sagen
läßt, ob die biblischen Szenen Staffage seiner
Landschaften oder ob diese Landschaften Folien
der biblischen Begebenheiten sind. Die Elemente
sind verschmolzen, denn Schirmers Naturgefühl
war von einer Intensität, daß er in seinen Landschaften
ganz selbstverständlich Symbole gab,
sinnbildliche Vergleiche zwischen Natur und
Mensch, zwischen Natur und Begebenheit, die
er nach Art der biblischen Gleichnisse fortspann
. Man kann an Hand des Studienmaterials
Schirmers, d. h. der nicht komponierten
Landschaften, wie sie in der Ausstellung der
Galerie Heinemann zahlreich vorlagen, feststellen
, daß er der Staffage nicht bedurfte,
wenn er eine Stimmung festhalten wollte, daß
er Freude und Trauer, Sieg und Schmerz,
Melancholie und Resignation in seinen Landschaften
ausdrücken konnte, ohne zu dem Mittel
der Staffierung greifen zu müssen. Schirmers
Landschaften sind ganz Beseelung: malte
er einen geheimnisvollen Wald, so verspürt man,
daß hier der Schauplatz einer schreckenvollen
Tat gezeigt wird, auch wenn die Mörder, die
den Reisenden des Evangeliums überfallen, nicht
in die Erscheinung treten, und es gibt unter
seinen Studien lichte Haine, die man als Wohnstätten
guter Elementargeister empfindet, auch
wenn man diese nicht in Person erblickt.

Von den biblischen Landschaften besitzt Karlsruhe
die schönsten, die vier aus der Stimmung
der Tageszeiten sinnvoll abgeleiteten Bilder zur
Geschichte des barmherzigen Samariters (1856
bis 1857 gemalt), in dem breiten Vortrag und
in der prunkenden Wärme des Farbenensembles
wohl das Stärkste, was an komponierten Landschaften
Schirmers vorhanden ist. Biblische
Landschaften besitzt auch Düsseldorf in seiner
Galerie, das Leipziger Museum nennt die den
Lehrer Böcklins verratende Grotte der Egeria
sein eigen, Darmstadt hat eine Bergstraßenlandschaft
mit Blick auf Heidelberg, kurz vor
der italienischen Reise entstanden, in Köln gibt

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