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HEINRICH REIFFERSCHEID
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OBERBAYERISCHES GEHÖFT
der „Jungen Donau" (igig) auswirkt, ist darin
sehr belehrend. — Wir haben da in Licht und
Schatten, in Massenverteilung und Helligkeitsausgleichungen
, in Formbehandlung und Linienführung
, sowie in Sparsamkeit und Sicherheit des
Ausdrucks bis in den letzten Ton abgewogene
bilddichterische Köstlichkeiten. Es sind in strenger
und ernster Selbstzucht erarbeitete, glänzend
geformte, auf den knappsten Ausdruck
gebrachte, innerlich empfundene und geschaute
Poesien voller Musik und Wohlklang. Hier ist
die für das Graphische geforderte „Vereinfachung
" nicht nur eine Weglassung von Zeichnerischem
, sondern ein Zusammendrängen und
Zurechtsetzen der graphischen Elemente zum
straffsten Ausdruck. Ein wohlgepflegter und gestählter
Wille, die Natur zu entschlacken, zu
vergeistigen und damit zur Kunst zu erheben,
ist hier am Werk und am Ziel. Die Sparsamkeit
in den Ausdrucksmitteln ist nun so weit
gediehen, daß Reifferscheid mit einem Mindestmaß
von Nadelarbeit und Ätzung den vollen
Reiz einer reichen Landschaft entfalten kann.
Blätter, wie „Sonnendunst" (1905), „Rheinstraße"
(iqio), „Basaltschiff", „Oberbayerisches Gehöft"
(1916), „Mutter und Kind" (1917), „Gutshof"
(rgig) entsprechen dem Goetheschen Künstlerwort
: „Nur ein Hauch sei dein Gedicht." Es
ist kaum denkbar, daß die künstlerische Vereinfachung
des Vortrags in den Ausdrucksmitteln
noch weiter gehen kann, als es hier geschehen
ist, um Raum, Licht, Form und Bewegung
zu veranschaulichen. Es ist ein Triumph
des Technischen, zu solcher Feinheit und Beseelung
fortgeschritten zu sein. Man braucht
keine Hinweise auf gleichartige Leistungen in
der Graphik der Jetzt- oder Vorzeit zu geben.
Sie sind unmöglich, weil diese Arbeiten, aus
Persönlichstem und Eigenstem herausgeschaffen
, jedem Vergleich zuwiderlaufen und der
Maßstäbe ermangeln, die am Pegel der Zeit
stehen. Jedenfalls ist im Graphischen die völlige
Abklärung, im Künstlerischen, im Technischen
wie im Bild-Inhaltlichen und Ausdrucksvollen
erreicht und eine Vollendung der
künstlerischen Sprache erzielt, in der die fromme
Einfalt des Natureindrucks zur höchsten Glut
des Kunstausdrucks gesteigert ist. Die technische
Meisterschaft gestattet die vielfältigste
Verbindung von Raum-, Licht-, Luft-, Linien-
und Seelenwerten mit vollkommener Innigkeit
und Beherrschtheit zum Gedicht voll heiliger
Ruhe und sinnlicher Schönheit zu formen. In
diesem Punkte treffen sich die künstlerischen
und religiösen Werte in Reifferscheids Schaffen,
indem sie Kunde geben von der pantheisti-
schen Liebe, mit der des Künstlers Herz sich
ins All weitet und heilig bewahrt, was es daraus
empfängt: Schönheit als Weihe und Segen.
Jos. Aug. Beringer
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