Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 224
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0260
lag im Grunde das Wesentliche des älteren Expressionismus
fertig vor. Für das, was diese
Generation wollen mußte, war der Weg von
vorneherein vorgezeichnet. Das neue Glück
des Daseins konnte seinen starken, reinen Ausdruck
nur von der Farbe — und zwar von
der von jeder Teilung, Zerlegung, Relativierung
erlösten, befreiten Farbe aus finden. Sie
ist das reinste Mittel zur Darstellung eines
sinnlichen Zustandes, einer dauernden Weltbeziehung
: nur sie drückt ein bleibendes Gefühl
aus und wirkt es im Betrachter. Die Farbe
als Fläche wurde die Grundlage des neuen
Bildbaues, das wesentliche Mittel von Menschen,
für die Welt und Dinge Medien der Selbstgestaltung
, des Selbstausdrucks sind. Sie trägt
die ersten Bilder Pechsteins, wie die letzten:
und rein aus ihrem Wandel, von den frühen
Werken mit den jungen lauten, fast übersteigerten
Klängen und Zusammenklängen, von
den Fanfaren in Gelb und Rot über die Zeit
der Vertiefung, in der das Blau und Rot wie
von innen heraus durchglüht ist, die Bilder und
nicht nur die Dinge auf ihnen fast transparent
geworden sind bis auf die Gegenwart, da der
Reichtum reif geworden wie in gedämpfter
Sonne strahlend sich über die Bildfläche breitet,
könnte man die Entwicklung seines ganzen
Lebensgefühls ablesen. Oder besser abfühlen:
Denn wie gesagt, das Wesentliche dieser Werke
läßt sich nur sehend erleben, kaum in Worte
umsetzen, weil es ganz rein aus einem von
Begriffen und Erwägungen nicht angekränkelten
Malererlebnis wächst.

*

Von seiner Palaufahrt hat Pechstein an Gemälden
, die dort entstanden, nichts gerettet;
was er mitbrachte, sind flüchtige Skizzen, Aufzeichnungen
und die lebendige Erinnerung an
das Glück unmittelbaren Daseins in einer Welt
noch ungetrübter Unmittelbarkeit. Aus diesen
Erinnerungen sind die Palaubilder entstanden,
die er im letzten Kriegsjahr zeigte: Landschaften
von seiner glücklichen Insel, Boote auf dem
Meer, mit nackten braunen Menschen, seltsam
geformte Götzenbilder und Akte am Meer, im
Grünen, unter Palmen. Sie bedeuten im Gesamtwerk
nicht entfernt das, was etwa Gau-
guins erste Tahitibilder in seinem Schaffen sind.
Pechstein brauchte das Unmittelbare nicht suchen
zu gehen, wie der Verfasser von NoaNoa, dem
die Literatur immer sehr nahe saß; er hat es
in sich. Ihn lockte ebenfalls die Vorstellung
einer noch nicht verfälschten Welt, aber sein
Malerinstinkt ist glücklicherweise stärker als
sein bewußtes Wollen. Unsere Auseinandersetzung
mit Gott und der Welt vollzieht sich

heute jenseits von Negerhütten und Blätterschurz
, obwohl es zuletzt, wenn nur der Mensch
wesentlich ist, belanglos bleibt, ob einer sich
über die Südsee oder über den Kurfürstendamm
mit der Welt herumschlägt. Der Unterschied
liegt nur im Thema, nicht in der Melodie:
Pechsteins Erlebnis geht immer aus seinem
Gefühl auf die Dinge der Welt; so findet er es
dort wie hier, weil er das Unmittelbare im
Objekt nicht wie Gauguin aus Überdruß und
Mangel, sondern aus Verwandtheitsinstinkt
suchen geht. Und so reihen sich die Palaubilder
ohne weiteres in das Gesamtwerk ein :
selbst die leise veränderte Farbenskala, der
Übergang in kühlere Klänge wie Braun und
Grün, Blau und Grün, die Versuche strafferer
Bildhaltung durch stärkeres Betonen auch der
linearen Gliederung neben der farbigen sind nur
Fortbildungen derselben Tendenzen, die in den
anderen Arbeiten aus den letzten Jahren sichtbar
wurden. Das Fremdartige tritt zurück:
das Sichsuchen ist auch hier das Thema —
und das Ausströmen des Überflusses an innerer
Kraft, das diesen Maler zu einem der wenigen
Expressionisten aus Besitz und Reichtum, nicht
aus Mangel und Negation des Entgegengesetzten
macht.

Die starke Wirkung, die von den neuen Arbeiten
Pechsteins ausgeht, beruht wohl darauf,
daß heute in ihm die Energie des Erlebens und
des Gestaltens sich an Intensität entsprechen
und die Wage halten. Es gibt frühere Werke
von ihm, in denen bald die eine, bald die andere
überwiegt. Heute hat er den sichernden
Ausgleich gefunden. Die Farbe ist bei aller
Reinheit stiller, dafür in sich reicher, die Bildform
, die kaum begrifflich, abstrakt faßbar, sondern
nur dem Instinkt aus der farbigen Gliederung
fühlbar wird, ist fester, notwendiger geworden
. Werk steht neben Werk, ohne daß sich
Einzelnes besonders heraushebt: man empfindet
und genießt den Reigen als Ganzes. Man überläßt
sich fühlend dem Wohltuenden, Sicherheit
gebenden, das diese, seine Welt ausstrahlt,
weil in ihr ein Mensch am Werk ist, der aus
der Fülle, aus einem Überschuß an Lebensgefühl
gibt und nicht aus Mangel, aus einem der Welt
fordernd, aufsaugend Gegenüberstehen, sich
eine Ersatzwelt schafft. Auch Pechstein ist
Herr der Dinge und wandelt sie in Form und
Farbe nach seinem Willen, daß sie das hergeben
, was er jeweils für sich braucht. Aber
er steht der Welt durchaus bejahend, verbindlich
gegenüber: sein Verhältnis zum Leben ist,
weil es auf dieser Fülle, diesem Überfluß beruht
, zuletzt unproblematisch, untragisch, wie
die Natur; seine Werke sind „Expressionen"
wie Blüten, Ausdruck eines vorhandenen Gefühls

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