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Schöpfer der Ausstellung, dem mit gewohnter
Sorgfalt gearbeiteten kleinen Katalog vorausschickt
, ist Programm und Charakter der Kunstschau
umschrieben. Und in derselben Richtung
sind auch die nachfolgenden Ausführungen zu
verstehen: es kam nicht darauf an, eine genetische
Übersicht über die Düsseldorfer Malerei
zu geben, sondern einige mehr allgemeine Linien
ihres spezifischen Charakters zu erfassen.
Der Name Schirmer — und letzten Grundes
ist dieser Künstler die zentrale Persönlichkeit
der Düsseldorfer Landschaft — rückt neuerdings
stark in den Vordergrund des kunstgeschichtlichen
Interesses. So berechtigt einerseits
diese Entwickelung sein mag, darf doch
andererseits nicht verkannt werden, daß die
Richtung, in der sie zu gehen scheint, leicht
zu einer Verschiebung der objektiven historischen
Perspektive führen kann. Der „intime"
Schirmer — und der wird heute besonders betont
— darf nicht überschätzt werden. Schließlich
ist doch das „paysage intime" bei dem
Lehrer der Achenbach, Böcklin, Thoma, Lugo,
Brachts nur eine Durchgangsstation zur großen
stilisierten Landschaft. Und wenn vor der italienischen
Reise von 183g, die insofern einen
Markstein in der Entwicklung Schirmers darstellt
, als in der Folgezeit die idealistisch-historische
Landschaft ausschließlich sein Schaffen
beherrscht, wenn vor dieser Reise die Kunst
Ruisdaels als ein Hauptelement seiner Malerei
erscheint, so bedeutet das doch letzten Endes
auch nur, daß die große, auf Raum- und Massenwirkung
beruhende Kompositionsherrschaft
in seiner ersten Periode ebenfalls den wichtigsten
Faktor darstellt. Selbst die am unmittelbarsten
wirkenden „Studien" — im Grunde sind
es doch stets „Bilder". Und nicht anders steht
es bei dem zweiten Hauptmeister der älteren
Düsseldorfer Landschaft, bei Lessing. Auch in
seiner Kunst bedeuten die „intimen" Landschaften
, die dem modernen Auge allerdings am
sympathischsten erscheinen, nur eine Nebenlinie
der großen Entwicklungsbahn, die in eine ganz
andere Richtung zielt.
Wird nun aber dieser Gesichtspunkt der Betrachtung
festgehalten, so ergibt sich allerdings
bald die prinzipielle Frage, warum gerade in
einer niederrheinischen Stadt, wo die klimatischgeologischen
Vorbedingungen für ein bodenständiges
„paysage intime" geradezu gegeben
waren, die komponierte Landschaft im Vordergrund
des Interesses stand. Oder anders in Beziehung
auf die kunstgeschichtliche Entwicklung
formuliert: Kann von einem spezifisch düsseldorfisch
-niederrheinischen Charakter in der älteren
Landschaft gesprochen werden ? Der Nachdruck
ist dabei auf niederrheinisch zu legen,
also auf die lokal-geographische Seite. Denn
in kunstgeschichtlich-literarischer Beziehung
kann allerdings von einem bestimmten Charakter
der älteren Düsseldorfer Landschaft gesprochen
werden, indem man die Rheinromantik
als ein durchgehendes Kennzeichen der Kunst
einer Reihe von Landschaften der Düsseldorfer
Schule feststellt. Aber die Rheinromantik ist
ein Gewächs der mittelrheinischen Gegenden
und Scheuren, der Hauptvertreter dieser Richtung
, hat denn auch sein Bestes in Motiven
aus dem mittleren Rheintal gegeben. Der Niederrhein
jedoch beginnt als bestimmendes Einwirkungsmoment
für die Düsseldorfer Landschaft
erst mit Andreas Achenbach, hier allerdings
noch stark mit holländischen Beziehungen
durchsetzt, wie später bei Dücker mit norddeutschen
. Einen spezifisch niederrheinischen
Charakter gewinnt die Düsseldorfer Landschaft
der älteren und mittleren Zeit — die Neuzeit
ist hier nicht in Rechnung gesetzt — eigentlich
erst in dem allzufrüh verstorbenen Karl
Seibels, der vielleicht die stärksten Anlagen für
ein bodenständiges „paysage intime" einzusetzen
hatte. Er „wäre der Mann gewesen, die niederrheinische
Landschaft malerisch so zu verklären
, wie es den großen Münchener Meistern
Schleich und Lier für das oberbayerische Berg-
und Seengebiet geglückt ist". Richard Burnier,
der oft mit Seibels zusammengenannt wird, gehört
eigentlich der Schule von Barbizon an.
Während dem ersteren die französische Schulung
doch eigentlich nur eine Übergangsstation
bedeutete — die Grundlagen zum malerischen
Sehen hatte er schon von seinem Lehrer Oswald
Achenbach erhalten —, ist Burnier allezeit ein
treuer Nachfolger der Franzosen geblieben.
Oswald Achenbach ist letzten Endes der einzige
Fortsetzer des nachitalienischen Schirmer
am Niederrhein gewesen. Aber er brachte etwas
mit, das ihn doch allmählich aus den Bahnen
seines Lehrers herausdrängte: einen sensitiven
Farbensinn und zugleich auch die nötige
innere Spannung, um seiner Begabung den entsprechenden
Ausdruck zu verschaffen. Schirmers
Kunst beruht doch schließlich trotz aller
koloristischer Begabung auf der Zeichnung, Oswald
Achenbach aber stößt durch zum frei
Malerischen. Die prächtige prunkvolle Farbe
herrscht zuletzt bei ihm unumschränkt und
in diesem koloristischen Absolutismus vermochte
er auch der Lehrer eines Seibels und Bochmann
zu werden. — Mit Oswald Achenbach schließt
die ältere Zeit der Düsseldorfer Landschaft ab.
Der schon genannte Dücker leitet als einflußreicher
Lehrer eine neue Zeit ein, die nicht
mehr in den Rahmen der Ausstellung und damit
auch dieser Ausführungen fällt.
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