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ein paar kleinere Arbeiten von Uhde, die ganz
auf Pleinair eingestellt sind, und ein sehr schöner,
indessen in dieser Umgebung etwas zahm und
altmodisch wirkender Baisch. Von einem reichlich
durchschnittlichen Leistikow, der seinerzeit,
als Tschudi die Münchner Sammlungen regierte,
durch Schenkung des Herrn Arnhold in Berlin
in die Münchner Pinakothek kam, sei lieber
nicht die Rede. Der Nachdruck liegt in diesem
Saal auf drei Bildern; von ihnen geht die entscheidende
Wirkung aus. Liebermanns „Frau mit
Ziege", ein Bild, das schon 1891 im Münchner
Kunstverein erworben wurde, erweist sich auch
heute noch als eine der glücklichsten Bereicherungen
des bayerischen staatlichen Besitzstandes
an modernen Gemälden und läßt den mehr als ein
Vierteljahrhundert später entstandenen breitspurigen
Husarenobersten des gleichen Künstlers
an Qualität weit hinter sich. Slevogts
„Feierstunde", ein Werk aus der früheren
Schaffensperiode des Künstlers, um. die Jahrhundertwende
entstanden, wirkt immer noch
als ein Programmbild des Impressionismus und
trägt schwer an malerischem Gehalt; trotzdem
müßte man wünschen, daß der spätere Slevogt
doch noch besser vertreten würde als durch
das flotte Ananasstilleben und die helle Marine.
Das dritte der raumbestimmenden Bilder geht
auf Lovis Corinth zurück und ist etwa um die
gleiche Zeit entstanden wie Slevogts „Feierstunde
". Es ist ein Bildnis des kürzlich verstorbenen
baltischen Grafen Eduard von Keyserling
, des stillen, herben, feinen Novellisten:
mitunwahrscheinlich blauen Dichteraugen schaut
der geisterhaft schlanke Graf, dem die Spuren
heraufziehender Krankheit ins Gesicht geschrieben
sind, den Beschauer an; diese Blauaugen
und das übertriebene Rot der Lippen geben
dem ungewöhnlichen Bildnis, das einst jahrelang
in Keyserlings Studierstube hing, den farbigen
Akzent.
Ein schmaler Korridor, in dem man allerlei
anmutige Kleinigkeiten, malerische morceaux,
von Uhde, Nißl, Julius Diez u. a. antrifft, leitet
zum Sanktuarium der Galerie, zur Sammlung
der Gemälde des Hans von Marees, die als
Vermächtnis Konrad Fiedlers an den bayerischen
Staat fielen und einst in einem Pavillon
des Schleißheimer Galerie-Schlosses ein beschauliches
Dasein führten. Damals war es
jedesmal so etwas wie eine Wallfahrt, wenn man
sich zu diesem Schatz deutscher Kunst aufmachte
und ihn meist, von Mitmenschen ungestört
, in tiefster Einsamkeit genoß. Jetzt
ist, indem die problematischen Werke der Spätzeit
des Künstlers, also jene, aus denen die
Analyse der Kunst des Marees abgeleitet werden
muß, zum Mittelpunkt der Neuen Staatsgalerie
wurden, das stille Genießen vorbei, und
der Künstler ist wieder mitten in die Diskussion
gestellt. Man hat eine Lösung gefunden
, die drei großen Zyklen „Die Hesperiden",
„Die Werbung" und die ritterlichen Heiligen
Georg, Hubertus und Martin, mit den Bildern
des sogen. „Goldenen Zeitalters" zu einer räumlich
starken Einheit zusammenzufassen. Da sich
Marees nicht an den Wänden ausleben konnte,
so hat er, wie man einmal richtig sagte, Fresken
auf Holztafeln gemalt. Diese fresken-
haft behandelten Holztafeln ihrer Funktion als
räumlich determinierte Wandbilder zurückzugeben
oder eigentlich erst zuzuführen, ließ sich
die Leitung der Galerie angelegen sein. Im
ehemaligen Plastikraum des Galeriegebäudes,
das bekanntlich früher die Ausstellungen der
Münchner Secession beherbergte, kamen die
Triptychen und die ihnen verwandten Werke,
in die Wände eingebaut und sinnvoll in architektonischer
Weise zusammengefaßt, zur Aufstellung
. Die Wirkung ist überraschend. Jetzt
erst wird der pathetische Rhythmus der Schöpfungen
des Marees — auch in seiner Auswirkung
auf die Farbgebung — ganz empfunden.
Man nimmt es dafür hin, daß die Bilder dem
idyllischen Genuß in Schleißheim entrissen
wurden (übrigens haben sie ja den Umweg
über die Neue Pinakothek, wo sie seit Braunes
Neuordnung hingen, genommen) und hier wieder
ins Gedränge gestellt sind — es ist doch
eine ganz vortreffliche Art, wie man den Absichten
des Meisters gerecht geworden ist. Die
Abdämpfung des Bodenbelages im Marees-Saal,
die man nachträglich vornahm, hat die Feierlichkeit
des der durchgehenden Führungslinie
entrückten und etwas tiefer gelegten Raumes
noch gesteigert: man hat also schon durch die
gepflegte Behandlung des Rahmens angedeutet,
daß man sich des Schatzes wohl bewußt ist,
den man da in Obhut hält.
Der Vorraum zum Marees-Sanktuarium enthält
einige der überraschend schönen, die Bildabsichten
des Meisters klar verkörpernden Rötelzeichnungen
; dazu Bildnisplastik von Hildebrand
und Bleeker. Die plastische Sammlung
nimmt dann den ganzen übernächsten Raum
ein, klingt durch die beiden folgenden Räume
weiter, um im Schlußsaal mit einem kräftigen
Akkord, konzentriert auf einen Eindruck, aus-
zuschwingen. Die jüngere Bildhauerschule kommt
stark zu Wort. Neben Hermann Hahn, dessen
klassische E. v. Wölfflin - Büste die Akademie
der Wissenschaften lieh, und neben Behn, Stuck
und Taschner, kommen besonders Joseph
Wackerle, Edwin Scharff und Gerstel zum Zuge;
später findet man die delikaten Tonbüsten
Maillols und, ein Ensemble von wohltuender
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