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die Literaturgeschichte ist
trotz ausgezeichneter Arbeiten
noch nicht zu völliger
Klärung durchgedrungen,
wenn sie gleich noch am
ehesten Ordnung in den Aufbau
des Ganzen zu bringen
versucht und sich bemüht
hat, auch die außerhalb ihres
eigentlichen Gebietes liegenden
Äußerungen unseres
geistigen Lebens, bis in die
scheinbar so weit abseits
stehende medizinische Wissenschaft
hinein, in den
Kreis ihrer Darstellung ein-
zubeziehen. An einer Gesamtgeschichte
der Romantik, also
an einer Darstellung der
ganzen Zeit, den äußeren
Voraussetzungen für ihr
inneres Leben und an der
Schilderung der reichen Verästelung
des fruchtbaren
Baumes fehlt es noch immer,
und muß es noch so lange
fehlen, bis die Kleinarbeit
wirklich überall eingesetzt
hat und vorwärtsgekommen
ist. Insbesondere hat die
Kunstgeschichtsschreibung
ihre Aufgabe noch nicht erfüllt
. Mit den allerdings weit
geförderten Arbeiten über
Kaspar David Friedrich, über
Philipp Otto Runge, über
Karl Blechen und einige
wenige andere ist es noch keineswegs getan.
Ja, es muß noch für mehr als ein Gebiet deutschen
Landes zunächst einmal erst der Rohstoff
zusammengestellt werden.
Hier nun greift, von Karl Lohmeyer ins Leben
gerufen, und in ernster, eindringlicher und
feiner Arbeit durchgeführt, die Heidelberger
Ausstellung ein. Gewiß hatte nicht so sehr
eine andere Stadt wie gerade diese die Veranlassung
dazu und die Pflicht. Ganz mit Recht
nennt sie Ricarda Huch „die eigentliche Stadt
der Romantik, wo sie ihr wildestes Fest feierte,
dessen Raketen und Funkensprühen weithin
sichtbar wurde". Die Schatten großer Namen
tauchen,sobald sie genannt werden,vorderSchloß-
ruine als Hintergrund auf. An der Universität
Gelehrte wie Creuzer, dessen „Symbolik und
Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen
" durchaus als Frucht romantischer Geisterverfassung
anzusehen ist; der ihm nah befreundete
Dogmatiker Draub; der organisato-
G. PH. SCHMITT
DIE GATTIN DES RICHTERS
PETERSEN IN SPEYER (1836)
risch um die Rupertina hoch verdiente Jurist
Thibaut, nebenbei ein vortrefflicher Kenner und
Pfleger der Musik; Hegel, der damals noch von
einer Gegnerschaft zur Romantik so weit entfernt
war, daß er entschlossen für Creuzer in
dessen Streit mit Voß Partei nahm; vorübergehend
auch einer der Heroen der Frühromantik,
August Wilhelm von Schlegel. In brüderlicher
Vereinigung sehen wir dann die Schöpfer des
„Wunderhorns", Arnim und Brentano, zu Görres
als Lehrer bewundernd emporblicken, zu dem
auch Eichendorff sich feurig bekennt. In dessen
Gefolgschaft wieder ein freilich wesentlich kleinerer
Geist, der Graf von Loeben, der alles,
was sonst als Vorzug der Romantik gepriesen
werden kann, in seiner Überstiegenheit fast in
das Gegenteil verwandelte. Aber der Kunsthistoriker
wird vornehmlich auf die Boisserees
seine Blicke richten, die recht eigentlich hier
den Ruhm ihrer am Rhein und in den Niederlahden
gesammelten Galerie begründeten, wo
Die Kunst fllr Alle XXXV.
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