http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0303
G. W. ISSEL
man sieben Bilder von ihm. In Heidelberg
vermittelten deren einunddreißig eine weit vollkommenere
, vielleicht sogar eine abschließende
Vorstellung seiner besonderen Art. Denn nun
werden wir mit den Worten des Tschudischen
Textes uns nicht mehr begnügen können, vielmehr
sie erweitern und berichtigen müssen. Er
behauptet noch, daß „der stille, so gemütvoll
deutsch wirkende Issel" in Paris gelernt habe,
also doch auch ,.nicht ganz autochthon" sei, er
erblickt noch in dem Bild, das die drei Pariser
Kirchen St. Etienne du Mont, Ste. Barbe und
das Pantheon darstellt, seine beste Leistung,
während wir heute bei aller Anerkennung seiner
Vorzüge gerade dieses als am wenigsten eigenartig
, vielleicht sogar als etwas wesensfremd
empfinden werden. Gewiß mag Paris dem empfänglichen
Künstler manche Anregung gegeben
haben, aber den schon längst zur Selbständigkeit
erstarkten, früh fertigen Mann vermochte
es nicht von dem einmal betretenen, selbstgewählten
Weg abzudrängen. Wenn in seinem
Lebenswerk, so weit wir es heute zu übersehen
vermögen, eine Einwirkung anderer zu erkennen
ist, so bei den Arbeiten der Jugendzeit, wie es
der Heidelberger Katalog richtig hervorhebt, ein
BODENSEELANDSCHAFT (1815)
Einfluß der Schütz, der freilich vor dem angeborenen
, unbefangenen Wirklichkeitssinn eines
ganz auf sich selbst gestellten und nur der Natur
als einziger Gebieterin sich verpflichtet fühlenden
Menschen bald dahinschwindet. Ganz aus sich
selbst heraus wird Issel zu einem beredten Verkünder
der „paysage intime", längst ehe sie als
programmatisches Ziel der Kunst ausgerufen
wurde. Aber mit Romantik hat ein Maler dieser
Art nichts gemein. Eine Kluft so groß liegt
zwischen ihm und ihr, wie sie sich überall da
auf tun wird, wo verschiedene Weltanschauungen
sich hinter der künstlerischen Arbeit erheben,
und Stift und Pinsel die Gesetze der Arbeit vorschreiben
. Was Carus vom „Erdleben" gelehrt
hatte, hatte auf den der Natur ganz unbefangen
und triebhaft hingegebenen Issel keinerlei Einfluß
. Er ist und bleibt sein ganzes Leben lang
Realist, dem das Geschaffene höher steht als
die Empfindung, die er in es hineinlegen könnte.
Wenn seine Bilder trotzdem auf uns einen so
starken Eindruck machen, daß Tschudi von dem
„stillen, so gemütvoll deutsch wirkenden Issel"
sprechen konnte, mag das aus der reinen, bedingungslosen
, ja ehrfürchtigen Hingabe an die
Natur erklärt werden, die in unseren Herzen
263
36*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0303