http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0319
ALFRED LÖRCHER
SIE GELSTEMPEL ABDRUCKE (1909-1912)
Von den Liegefiguren zeigt die früheste (1913,
Gips, Eigentum der Stadt Stuttgart, Abb. S. 274)
den Kopf in reinem Profil; die Beinstellung wiederholt
das Motiv des untergeschlagenen linken
Fußes. Eine zweite Figur des gleichen Jahres
(Kalkstein, Frankfurt a.M., Städelinstitut, Abb.
S. 273) zeigt im Unterkörper eine ähnliche Bewegung
, wendet jedoch den Oberkörper stärker
nach vorn; das schlafende Haupt lehnt an den
gebogenen linken Arm, während der rechte auf
dem Haupte ruht. Die jüngste Komposition (1914,
Gips, Abb. S. 275) legt die Figur wagrechter und
offener; das Haupt wird von beiden Armen
ALFRED LÖRCHER
Die Kunst für Alle XXXV. 277
umschlossen; die einzige Überschneidung bilden
die sich kreuzenden Füße.
Diesen Figuren fehlt durchaus das Unruhige,
Unbefriedigte, Suchende gotischen Wesens, das
Lehmbrucks reifen Stil kennzeichnet. Dennoch
spricht sich in ihnen unzweifelhaft ein Teil des
Kunstwollens unserer Zeit aus. Die heutige
Kunst läßt sich eben nicht auf eine einfache
Formel bringen. Lörchers Stil ist nicht expressiv,
sondern vegetativ. Seine Anreger sind in der
frühen Antike, in Selinus, in Delphi zu suchen.
Man kann die Kunst des 6. Jahrhunderts nicht
falscher verstehen, als dadurch daß man ihr
GEMMEN ENTWÜRFE (1914). GIPS
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