http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0324
RUDOLF SIECK
VORFRÜHLING
gen, um etwas zu werden. Zwar: er ist seit
ein paar Jahren Mitglied der Münchener „Neuen
Secession"; aber er ist es sicherlich nicht aus
dem Gefühl innerer Zugehörigkeit zu dieser
Gruppe, in deren Ausstellungen seine Bilder
stets wirken, als seien sie nur aus Versehen
hingeschickt worden, sondern wohl aus Laune
und vielleicht auch aus Verstimmung gegen
andere Gruppen, in die er eigentlich besser
paßte. Im Grunde allerdings paßt Sieck nur
zu sich selbst. Und er hatte es nie zu bereuen,
daß er sich durch all die Jahre unverbrüchlich
treu geblieben ist. Heute dankt es ihm bereits
eine große Zahl überzeugter Freunde seiner
feinen und überaus liebenswerten Kunst. Und
außerdem wirkt er auch als ein stummer und
doch sehr beredter Vorwurf für soviel Junge
und Ältere, die jederzeit bereit sind, ihre persönlichen
Empfindungen und Anschauungen
der Mode von heute und morgen unbedenklich
zum Opfer zu bringen. So ein Unbeirrbarer
nützt also nicht nur der eigenen Kunst und
damit der lebendigen Kunst seiner Zeit überhaupt
, sondern er wird auch zum Erzieher,
was bei der erheblichen Zahl kindlich-schwacher
Gemüter unter den Künstlern von unberechenbarem
Nutzen sein kann.
Was beim Betrachten eines Bildes von Sieck
sich uns zunächst auf die Lippen drängt, das
ist das Wort „deutsch". Wir empfinden diese
Kunst sogar in einem ungewöhnlich hohen
Grade als spezifisch deutsch, und wir können
uns das auch ganz gut und ohne Schwierigkeit
erklären; denn die zwei wesentlichsten Eigentümlichkeiten
deutscher Landschaftsauffassung
— die stark ausgeprägte zeichnerische Form
(die lineare Struktur) und das gefühlsmäßige
Erfassen der Stimmungselemente — finden wir
auch bei Sieck in idealer Vereinigung wieder.
Es ist geradezu ein Schwelgen in den Intimitäten
zarter Stimmungen und in den feinsten
Einzelheiten von Bäumen, Gräsern und Blumen,
das den Bildern Siecks ihr Besonderes gibt. Jede
seiner Arbeiten, ob es nun Ölbilder, Aquarelle
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