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oder Graphiken sind, ist, wenn man will, ein
lyrisches Gedicht oder die Illustration, noch
besser: die Vorlage zu einem solchen. Aber
während andere, die ähnliche Stimmungen und
Motive — den Vorfrühling z. B. — lieben,
häufig in Süßlichkeit oder Überzartheit verfallen
, ist Sieck dieser Fatalität fast immer mit
Geschick und wohl auch bewußt aus dem Wege
gegangen. Denn, genau besehen, ist er vielleicht
gar kein Malerdichter, wenigstens nicht in dem
idealen Sinne wie etwa Thoma, sondern ein mit
viel Sensibilität ausgestatteter Realist, der die
Dinge mit klaren, unbestochenen Augen so sieht,
wie sie sich jedem Unverbildeten und Unvoreingenommenen
in glücklichen Stunden ebenfalls
darbieten. Daher der sofortige Kontakt
zwischen Bild und Beschauer: man fühlt im
Augenblick des Sehens, daß hier alles seine
Richtigkeit hat, daß keine Sentimentalitäten und
sonstige Reflexionen hineingemalt, aber auch
nichts Wesentliches und Charakteristisches unterschlagen
ist. Mit andern Worten: Die Reduktion
der Natur auf die Bedingungen des
Kunstwerks ist hier meist vollkommen gelungen,
ohne irgendeinen störenden Zwischenton oder
Nachklang.
Das Wort Reduktion führt uns übrigens ganz
von selbst noch auf eine andere Spur, die ebenfalls
zum Verständnis der Kunst Siecks beitragen
dürfte. Man wird nämlich unschwer das
dekorative Element bemerken, das trotz dem
primären Realismus Siecks allen seinen Arbeiten
eigentümlich und gemeinsam ist. Das stark
Zeichnerische seiner Vortragsweise mag diesen
Eindruck vor allem erzeugen; aber auch die
Flächenbehandlung, die straffe, horizontale und
vertikale Gliederung der Bildfläche und nicht
zuletzt der dünne, nichts weniger als impressionistische
Farbauftrag weisen darauf hin. Und
es kann kein Zweifel bestehen, daß Sieck, der
ja in kunstgewerblichen Arbeiten (z. B. in Entwürfen
für die Nymphenburger Porzellanmanufaktur
) seine Eignung für Dekoratives bereits
praktisch erprobt hat, für landschaftliche
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