http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0326
RUDOLF SIECK
AM SIMSEE
Wanddekoration großen Stils durchaus der
rechte Mann wäre. Doch ginge es natürlich
viel zu weit, in seinen Bildern etwa nur Vorarbeiten
zu solchen möglichen Aufträgen der
Zukunft zu sehen. Was er bis jetzt geschaffen
hat, behält unter allen Umständen seinen eigenen
und eigentümlichen Wert im Rahmen der
zeitgenössischen Landschaftsmalerei und wird,
selbst wenn wir vom Gegenständlichen und vom
Gefühlsmäßigen absehen wollen, schon wegen
der reizvollen und pikanten Mischung aus Realismus
und Stilismus stets Freunde und Bewunderer
finden.
Im übrigen gibt es nur wenige Maler, deren
Arbeiten so sehr für sich selbst sprechen und
im einzelnen so wenig eines Kommentars bedürfen
wie gerade die von Sieck. Daß er mit
Vorliebe die oberbayerische Voralpenlandschaft,
hauptsächlich die des Chiemgaus, schildert, ist
bekannt und für jeden Kenner dieser Gegenden
ohnehin sofort offensichtlich. Und es ist
ganz interessant, zu beobachten, wie dieses
Oberbayerische so sehr vom Wesen Siecks Besitz
ergriffen hat, daß er auch dann, wenn er
zufällig einmal anderswo ein ihm zusagendes
Motiv malt, doch nur eine Variante seiner
Heimatbilder gibt. Ob man seine Aquarelle
(Wasserfarben-Temperabilder) oder seine Ölbilder
vorziehen soll, dürfte Sache des persönlichen
Geschmacks sein. Immerhin kann nicht
geleugnet werden, daß in den Aquarellen die
Zartheit der Naturauffassung Siecks sich doch
noch liebenswürdiger und unmittelbarer gibt
als in den Ölbildern. In letzteren hat dafür
allmählich das Männlich-Kraftvolle in der Natur
Siecks über gewisse, zuweilen fast frauenhaft
weiche Stimmungen gesiegt, die ihn früher öfter
beherrschten; und so ist ein Ausgleich geschaffen
, über den der Betrachter, der den Gewinn
davon hat, sich nur freuen kann.
Richard Braungart
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