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kenden Frauen, die das Antlitz mit einer zaghaften
Wendung dem Beschauer zukehren oder
sanft neigen, ist von so vornehmer und edler
Art, daß die stillen Werke das Wesen einer
Dame eindringlicher zur Geltung bringen als
es das eleganteste Salonbildnis vermöchte. Daß
der Künstler mit seinen diskreten Mitteln nicht
nur zarte und weiche Frauentypen zu erfassen
vermag, sondern auch den durch Leid vertieften
Seelenzustand eines Menschen gestalten kann,
beweist das in seiner verhaltenen Innerlichkeit
wuchtig und groß wirkende Gemälde einer gelähmten
Frau.
Leo v. Königs malerische Behandlung der
glatten Gewänder ist breit, weich und fließend;
die Hände mit den lose ineinandergefügten gelenkigen
Fingern sind locker und lebendig hingemalt
. Die Partien des mit liebevoller Sorgfalt
durchgemalten Kopfes weisen einen verblüffenden
Reichtum an scharf beobachteten
Nuancen auf, die ebenso fließend und leicht wie
präzis und knapp hingesetzt sind. Trotzdem ist
in Zeichnung und Farbe der Eindruck einer
fatalen Gegenständlichkeit vermieden; die farbigen
Erscheinungen sind in dunkle, schwere
Töne, unter denen tiefes Blau und gedämpftes
Grün die koloristische Haltung des Bildes bestimmen
, umgesetzt.
Alle diese Werke haben Leo v. König den
Ruf eines ausgezeichneten Porträtisten verschafft
und er mußte sich gelegentlich der Bildnismalerei
mehr zuwenden, als es ihm lieb sein
mochte. Erst in der letzten Zeit kam er dazu,
in größerem Umfange freie Kompositionen zu
schaffen. Den lebhaften und farbigen Motiven
entsprechend sind diese Schilderungen von
Kämpfen, von Fabelwesen, wilden Tieren oder
phantastischen Meeresbewohnern leidenschaftlicher
und erregter als die Bildnisse. Mitunter
noch allzu erregt, allzu zerfahren und aufgelok-
kert. Aber einige Entwürfe und fertige Gemälde
der jüngsten Zeit lassen erkennen, daß
wir auch auf diesem Gebiete von Leo v. König
noch Wertvolles zu erwarten haben.
E. Plietzsch
LEO VON KÖNIG
TIGER
Die Kunst für Alle XXXV
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