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LINDA KÖGEL
FRESKO. RECHTES TEILBILD AUS DEM
ABENDMAHL IN DER LISTER KIRCHE
die Älteren der geheimnisvollen Gabe oder gewinnen
aus der Lesung des göttlichen Wortes
die Vereinigung mit dem Höchsten. Zwischen
ihnen ersteht unter jugendlichen Kirchgängern
allmählich eine weihevolle Erwartung.
Der Tauf gang zeigt in einem tiefempfundenen
Familienbild die menschlichen Lebensstufen, gehoben
von der Weihe eines bedeutungsvollen
Weges. Das Spitzbogenfeld verliert seine Straffheit
und wird unter dem beseligten Flügelschlag
des Engels zur Bekrönung der unteren Szene;
wie ein Jubelton schwebt es über dem neuen
Erdenpilger. Anders wirkt das Bogenfeld gegenüber
dem Leid und Mitleid edler, aufrichtiger
Frauen. Ihnen wird es ein entschiedener Hinweis
nach der Höhe. Erscheinungsmäßige Engel
lassen wie aus leise geöffneter Himmelspforte
beruhigende Klänge zart ertönen.
Überschauen wir das Ganze noch einmal auf
seinen Zusammenklang, so werden wir deutlich
den edlen, weihevollen Rhythmus inne, der es
durchwebt. Von links strömt er, immer gemessener
und ruhiger werdend, in wechselnden
Gruppen nach der geheimnisvollen Halle; hier
wogt in jeder Gestalt verhaltene Ergriffenheit,
an den Enden sich gleichsam aufstützend, zusammenfassend
, verankernd. Nach rechts nehmen
die Vertreter der christlichen Gemeinde
die Bewegung wieder auf und lassen sie verklingen
. Die hoch aufgerichteten Seitenbilder
stehen unter sich im Kontrast, fügen sich aber
durch die gleiche Bestimmung, das mittlere Tri-
ptychon zu rahmen, harmonisch ins Ganze, wie
sie sich geistig als Anfang und Ende zusammenschließen
.
Wenn irgendwo, hat die Bemalung des Kirchenraumes
über die schmückende Leistung hinaus
die Bestimmung, „die Wände zu beseelen";
auch diese höchste Forderung hat Linda Kögel
erfüllt. Eine tiefe Religiosität erfüllt ihre edlen
: Menschengestalten und deren Stimmung. Damit
fügt sich ihre Schöpfung letzten Endes
jener Richtung ein, die aller Zeit in besonderem
Sinn hohe Kunst war und bleiben wird,
; der religiösen Kunst. Unter den wenigen neuzeitlichen
Werken, die dieser Würde gerecht
werden, steht der Apsisschmuck der Lister Kirche.
Jos. Popp
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