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daraus. Auf dem Titelblatt zum 3. Heft der Randzeichnungen
(Abb. S. 304) sind die beiden phantasievollen
Bäumchen, die das Blatt beidseitig rahmen
, in einem reichen Wiesenboden verwurzelt
und sie werden zugleich als Naturerscheinungen
und als Ornamente empfunden.
Nach dem ersten großen Erfolg lebte der
Künstler noch ein halbes Jahrhundert (bis 1882),
aber seine weitere künstlerische Entwicklung
brachte keine Überraschungen mehr: In seiner
Zeichnung überwucherte das bildliche-inhalt-
liche Moment der Illustration immer mehr das
ornamentale-stilistische der Arabeske. Der literarische
Geschmack des Künstlers wandte sich
von Goethe ab zum Romantischen. Es entstanden
große Radierungen zu deutschen Märchen
und zu dramatisch-wilden Balladen Bürgers
, zur „Leonore" und zur „Pfarrerstochter
von Taubenheim". Die zarten Lineararabesken
der „Randzeichnungen" haben sich zu üppigen
Schlinggewächsen ausgewachsen und umranken
architektonische Festdekorationen. In dem
Rahmen der Architektur spielen sich die einzelnen
Szenen einer Erzählung oder wie auf dem
Aquarell zum Aschenbrödel von 1846 (Abb.
S. 302) eines Märchens ab. So ein Blatt wie
das Aschenbrödel ist immer sehr stimmungsvoll
, sehr poetisch erfunden und doch ist es
im Eindruck nicht ganz rein, indem der kunstgewerbliche
Geschmack weniger zur naiven
Anspruchslosigkeit des Märchens passen will
als zu dem opernhaften Gestus, mit dem es
hier erzählt wird.
Seit Neureuther in der Jugend zu einer Sammlung
von „Schnadahüpfln" anmutige Zeichnungen
entworfen und den Dialekt dieser Volkspoesie
eigenartig getroffen hatte, kam er auf
bäuerlich-bürgerliche Themata immer wieder zurück
. Er besaß das Maß gesunder Sentimentalität
, mit dem das Volk nun einmal menschliche
Alltagserfahrungen, Liebe, Schmerz, Frühling
und Tod zu verklären liebt. Seine Zeichnung zur
„Bauernregel" Uhlands (Abb. S. 303), in der
genrehaften Ausmalung des winterlichen Glückes
vielleicht etwas zu schwer und zu umständlich,
gibt doch in der ganzen Anlage und besonders
in der Entfaltung der reifen Sommerblumenranke
ein lebensvolles Beispiel, wie das Wort
des Dichters in ein Bild umzusetzen sei.
Ulrich Christoffel
Die Kunst für Alle XXXV.
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