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GOTTFRIED SCHADOW WEIBLICHES BILDNIS
Mit Genehmigung des Verlages Julius Bard, Berlin
gefühlt wurden. Schaut man von hier schnell
zurück auf die prachtvolle Zeichnung des weiblichen
Kopfes von Gottfried Schadow (Abb.
S. 310), so besticht als Zeichnung neben der
Anmut und Freiheit der Auffassung, die graphische
Sicherheit die Technik, die nicht nach
der Form, sondern vielmehr diese in einer schlagenden
Einfachheit und Großheit zu erzwingen,
entstand und die erst Manet später mit der lithographischen
Tusche wieder erreichte. Schon die
Gegenüberstellung dieser drei Beispiele, Schadow
, Cornelius, Schnorr, mag zeigen, daß jedesmal
neu das Auge des Betrachters fühlen muß,
daß von der Kenntnis des historischen Werkes
des Künstlers hier nicht allemal der Schlüssel
gereicht wird. Das übrige Werk versinkt, die Beziehungen
lassen aus, und es stellt sich ein der
artistische Genuß des Genießenden und der psychologische
des Kenners.
Die Aufstellung dieser hundert Blätter folgt
natürlich der historischen Entwicklung
mit ihren bekannten Schulabgrenzungen
des Klassizismus, der
Romantik usw. Die Scheidungen
liegen klar, und diese Form ist auch
die praktisch objektivste. Allein es
wird sich gerade dieser freiesten
Gattung des künstlerischen Formens
gegenüber empfehlen, ohne
historische Relativitäten Kennerschaft
zu erlangen. Die subjektiven
Empfindungen, will sagen die Einstellung
des Künstlers sind gerade
hier so stark, daß sie erlebt werden
müssen wie in der Musik. Es gibt
in den Zeichnungen Caspar David
Friedrichs wohl kaum zum zweiten
Male einen Strich, der mit ähnlicher
Formenenergie es dem alten
deutschen Holzschnitt gleichtun
möchte, als in seinem abgrundtiefen
Selbstporträt (Abb. S.308).
Hier führt eine seltsam tiefgrübelnde
Einstellung barocke Formenphantasien
herauf, die man im
anderen Werk vergebens sucht und
die seiner klassizistischen Liniensprache
, etwa in der Gewandfigur,
nicht lagen.
Auch die Farbe vermag in den
Zeichnungen eine besondere Rolle
zu spielen. Mehr als das Aquarell
trägt z. B. bei Menzel die farbige
Kreide die Unmittelbarkeit seiner
gezeichneten Form. Seine Pastellzeichnungen
aus den fünfziger
Jahren haben einen malerischen
Stil, wie so frei kein Gemälde der
Zeit. In ihnen hat sich die malerische Kraft der
vierziger Jahre erhalten. Die lesende Dame bei
der Lampe (Abb. geg. S. 305) übertrifft ähnliche
Teile im Flötenkonzert, d. h. die Oberfläche
bleibt in Bewegung, die Kühnheit der Gegensätze
ist durch keine Komposition, die später
kam und ein Arrangieren war beim Menzel der
gleichen Zeit, abgeschwächt. So hat die Ölfarbe
im Pinsel wohl Wolken gegenüber sich experimentell
verhalten, wie es aus den Wolkenstudien
der vierziger Jahre her bekannt ist. Wo aber
hätte die flächige Farbe je eine fast dämonische
Wildhaftigkeit im Elementaren erreicht, wie in der
Zeichnung der Wolken über dem Garten des Prinzen
Albrecht (Abb. S.314). Jene Pastelle sind nicht
wie seine Aquarelle kleine Gemälde, sie sind
Zeichnungen mit jenem spezifischen — so paradox
es klingen mag graphischen Reiz. Mit
dieser Kraft aus der Farbe heraus Erlebnis und
Form zu gestalten, stand er in seiner Zeit allein.
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