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ADOLF VON MENZEL
Mit Genehmigung des Verlages Julius Bard, Berlin
WOLKENSTUDIE
ohne weiteres verbrannte. Nur Zufall gewährte
den heutigen Bestand. Marees war der Meinung,
daß die Zeichnungen nur für den Künstler selbst
da seien. Was er allenfalls denen zugestand,
die er an seinem inneren Prozeß teilnehmen
lassen wollte, das fordern wir heute mit der
Vertiefung in das Leben der Zeichnung von der
künstlerischen Allgemeinbildung. Eingangs wurden
allerdings die Gefahren für den Künstler
sowohl als für den Betrachtenden nicht verschwiegen
. Allein nichts kann unsere Einstellung
der Zeichnung gegenüber anders verfahren
lassen. Und wollte uns heute etwa jemand
Marees' Rötelzeichnungen vorenthalten, das
Freieste, Stärkstewas die deutsche Formphantasie
in dem vergangenen Jahrhundert erzeugt? Wie
rein und wie glücklich dieses Schaffen in seinem
großen Wollen gewesen sein muß, können nur
sie uns mitfühlen lassen. Mag auch der Endzweck
des wandbeherrschenden Gemäldes sie
lieblos beiseite geworfen haben. Die Stunde
ihres Lebens kann nur Glück gewesen sein. Und
die dunklen Wolken zogen erst nachher herauf.
Tragisch sagt er einmal von sich: „Wollen und
nicht wissen was, das ist das Furchtbare." Wenn
-er zeichnete, wußte er was er wollte; Entwürfe
stehen hierzu nicht im Widerspruch. Das trennt
ihn von Böcklin und Feuerbach. Bei diesen hat
die Zeichnung den Reiz des Werdens, der Ahnung,
des Probierens. Auch vor ihnen steht der Zweck
des Gemäldes und alles was,,einfällt ', wird notiert.
Besonders Böcklin läßt seiner Phantasie den Reiz
des während der Arbeit immer Weiterschaffens
offen. Pinselstriche und Flecken führen die Phantasie
ganz allmählich an die Bestimmtheit der
Form heran. Es liegt Klugheit darin, das Maß
des Formkönnens zu begrenzen. Die große Zeichnung
der sog. Melpomene fixiert nur Bildidee,
das, was er das Dekorative nannte und worin
er die Größe der Malerei sah. So legt hier wie
bei der Zeichnung von Cornelius die stahlartige
Außenkontur, so hier die Fleckenverteilung und
ihr Ausdruckswert in der Komposition Elemente
im Schaffen der beiden Künstler bloß, die im
Werk kaum so wesentlich und sinnlich gefühlt
werden. Und ebenso, nichts kann die schönen
plastischen Einfälle Feuerbachs, in der Art zu
komponieren heller aufdecken, als die Kenntnis
seiner Zeichnungen und zeigen wie gefahrvoll oft
die letzte Bindung in der Bildfläche für ihn geworden
ist. In der schönen Zeichnung des Konzertes,
zu der die Nationalgalerie das Bild besitzt, ist
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