http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0367
weniger Priestertum der Großheit, wohl aber
mehr Entzücken an der Musik der Bewegung.
Für den Impressionismus wurde psychologisch
das Bild Zeichnung. Man könnte bei ihnen versucht
sein, den umgekehrten Weg zu gehen.
Man macht Studien zu Teilen des Gemäldes,
wie immer man es getan hat. Es spricht aber
nicht so energisch bei Liebermann, als wenn
Feuerbach seine Modellstudien macht. .Liebermann
notiert wie ähnlich Menzel, Feuerbach
aber „klärt" sich dabei. Nur höchstens in der
sog. Bewegungsskizze „klärt" sich die Vorstellung
des Impressionismus. Von hier aus rundet
sich auch leicht das Bild aus der Zeichnung
heraus, so bei Liebermanns Kohleskizze zu den
Polospielern. Das Bild steht so suggestiv fertig
in der Zeichnung, daß die Zeichnung im Bild
erhalten werden muß. Leibi empfindet ebenso,
nur das Tempo hat sich geändert. Seine große
Zeichnung der Gebirgsländerin hat den Ehrgeiz,
Eigenwert zu sein. Hier wird der graphische
Reiz, wie auch bei Liebermann, so stark, daß
neben der Malerei eine selbständige Graphik
entsteht, zu der die Zeichnung mehr Beziehung
gewinnt als wie zum Gemälde. Bei den Expressionisten
gewinnt die Zeichnung eine ähnliche
unmittelbare, weder vor noch zum Gemälde eintretende
Beziehung, daß ein Vergleich mit dem
Anfang des 19. Jahrhunderts naheliegt: Gerade
für ihr Wollen legen die Zeichnungen reiner und
stärker Zeugnis ab als manche Gemälde, und
die schönen Beispiele von Heckel, Nolde, Pechstein
u. a., die hier die Nationalgalerie zu zeigen
hat, geben die beste Gewähr für den weiteren
Ausbau des wichtigen Kapitels: der Zeichenkunst
in der deutschen Kunst. W. Kurth
GEORG KOLBE WEIBLICHER AKT
Mit Genehmigung des Verlages Julius Bard, Berlin
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