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EDVARD M UNCH
MÄDCHEN AUF DEM SOFA
EDVARD MÜNCH*)
Man hat im modernen Kunstgetriebe die Gabe,
schnell zu vergessen. Das Publikum ist nicht
gern daran erinnert, daß es künstlerische Gedanken
und Zielsetzungen, deren Größe und Bedeutung
es endlich erkannt hat, noch vor kurzem
als Wahnsinn, Irrweg, Snobismus und dergleichen
bezeichnete. Aber auf die Gefahr hin,
zu mißfallen, muß doch wieder einmal das Andenken
an den großen Berliner Kunstskandal
vom Frühjahr 1892 aufgefrischt werden. Es ist
nützlich und lehrreich, auf solche Begebenheiten
von Zeit zu Zeit hinzuweisen.
Damals, vor achtundzwanzigjahren, geschah es,
daß der „Verein Berliner Künstler" seine Ausstellungsräume
im Architektenhause in der Wilhelmstraße
den Arbeiten eines jungen norwegischen
Malers öffnete, dessen Begabung von einigen Kennern
gefühlt worden war. Edvard Münch, von
Pariser Studien nach Berlin gekommen, trat damit
zum ersten Male in Deutschland hervor.
Die Bilder, die er zeigte, fielen aus dem Gewohnten
völlig heraus, nicht nur aus der akademischen
Schablone, sondern auch aus dem Rahmen
dessen, was man damals in Berlin, im Jahr der
Begründung der Vereinigung der „XI", in der
Geburtszeit der Secessionen, unter moderner
Kunst verstand. Die Folge war dieselbe wie
immer. Das Publikum und die eingesessene,
•) Über Münch als Graphiker siehe unseren Aufsatz im
XXXI. Jahrg., Heft 17/18.
Die Bilder zu unserem heutigen Aufsatze stellte die Kunsthandlung
Fritz Gurlitt, Berlin, zur Verfügung.
auf dem Gesetzbuch der Erfahrungen aus ihrer
eigenen Jugend hockende Kritik fühlten sich
nicht etwa angeregt, dem Neuen, dem sie sich
gegenübersahen, zu folgen und sich selbst mit
den Vorstellungen zu erfüllen, die sie in dem
unbekannten Künstler wirken sahen, sondern
gekränkt, zurückgestoßen und herausgefordert.
Entrüstete Proteste wurden laut. Der arme Vorstand
des Künstlervereins, den Gott wahrlich
niemals zum Vorkämpfer revolutionärer Ideen
geschaffen hat, und der auch in diesen Unglücksfall
nur durch einen sonderbaren und
komischen Zufall hineintaumelte, wurde aufs
schwerste bedroht. Es kam nicht gerade, wie
wir es im Sommer 1919 auf der Großen Berliner
Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof erlebten
, zu Handgreiflichkeiten— Krieg und wirkliche
Revolution haben die Sitten inzwischen
ein wenig verändert —, aber es kam zu einer
wilden Agitation, deren Folge war, daß die
Münch-Ausstellung lange vor dem beabsichtigten
Endtermin plötzlich geschlossen wurde.
Einen anderen Rat wußte man sich nicht. Daß
man damit einen jungen Künstler aufs schwerste
beleidigte, daß man die ganze Kunst beleidigte,
kam nicht in Betracht.
Es gibt kein krasseres Beispiel für den Unverstand
der Menge und ihre Unfähigkeit, künstlerische
Neuerungen zu begreifen, als diese Begebenheit
. Wenn heute Münch die gleichen Bilder
und graphischen Blätter, die er damals ausgestellt
Die Kunst für Alle XXXV.
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