Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 41. Band.1920
Seite: 332
(PDF, 126 MB)
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später erklingt ein anderer Ton. Das Selbstporträt
, das ihn eng an eine Frau geschmiegt zeigt,
geht im Ausdruck erheblich weiter. Eine große
Kurvenlinie umreißt die beiden Gestalten, die
ganz frontal zusammengefügt sind: sie fließen
zusammen, sind zu einer Einheit verwoben und
erscheinen fast wie ein Geschöpf, das als symmetrisch
gebildeter Organismus mitten ins Rechteck
gesetzt ist. Die horizontale Linie oben an
der Wand läßt jenen fließenden Kontur in seiner
weitausholenden weichen Kurve noch ausdrucksvoller
erscheinen. Das Geheimnis der Verbindung
zweier Menschen blickt uns an, ihr
Einswerden in der sexuellen Zusammengehörigkeit
und zugleich das tragische Fremdsein ihrer
Individualitäten; fast glauben wir, die sonderbaren
Flecke an der Tür zur Linken, die
wie ein Gespensterauge wirken, seien nicht zufällig
so entstanden. Diese Fremdheit der Geschlechter
(die bei Strindberg in grausame Feindschaft
umschlägt), das unlösbare, trauervolle
Rätsel dieses Fluches wird noch deutlicher in
dem anderen Bilde ausgesprochen, da die nackte
weibliche Gestalt, in starrer Haltung, mit offenem
Haar, das den Umriß der Figur füllt, vor
dem Ruhebett auftaucht, auf dem der Mann
ausgestreckt liegt. Ein hartes Gegeneinander der
bestimmenden vertikalen und horizontalen Linien
in scharfem rechteckigem Winkel. Der Kontrast
des hellen Mädchenleibes zu dem braunen
Männerkörper unterstreicht noch den Gegensatz.
Ebenso die helle Beleuchtung des Frauenkopfes,
während der Kopf des Mannes im Schatten
ruht. Es ist nicht mehr ein Mann und ein
Weib, von denen hier die Rede ist, sondern in
die Szene ist etwas hineingemalt von den Ur-
beziehungen zwischen den Geschlechtern, Stimmung
nach der Umarmung, Erschlaffung und
Scham, verklungener Genuß und tiefe innere
Entfernung. Wieder werden die entscheidenden
Linien durch Begleitspiele nachgezogen, durch
die Vertikalen an der Wand und am Teppich
des Divans, wo abermals horizontale Linien
dagegen streiten.

Es ist natürlich, daß ein Künstler von solchen
Impulsen sich von jeher zur Graphik hingezogen
fühlen mußte, wo die Abstraktion ohne Zwang
sich einstellte. Aber Münchs Genie fand auch
hier sofort mit nachtwandlerischer Sicherheit den
notwendigen Ausgleich zwischen dem expressiven
Gehalt und den formalen Mitteln. Zu den
ersten Blättern, die wir, schon 1892, sahen, gehörte
das „Kranke Kind". Die Vision der eben
aufgeblühten, im Erblühen schon von bösem
Keim vergiftete Menschenpflanze machte so tief
erschauern, weil ihr Ausdruck aus unmittelbarer
Vergeistigung des technischen Vortrags gewonnen
war. Nicht so war die Bildvorstellung gestaltet,

daß in einer Liniensprache, die auch anderes
hätte mitteilen können, nun dies trauervolle
Köpfchen aufgezeichnet war, sondern so, daß
jede einzelne Linie Zartheit und Schmerz, Schwäche
und Hilflosigkeit, Zittern und unbegriffene
Not in sich niederschrieb. Wie später bei anderen
Motiven jeder Strich Härte, Starrheit,
Grausamkeit, oder wühlendes Zernagen, Ratlosigkeit
und gespenstische Furcht sein konnte,
wie Münchs Holzschnitte ganz von selbst aus
Materie und Technik das Unergründliche beschworen
, aus breiten Flächen und schweren
Konturen Urgeheimnisse lebendig aufsteigen
ließen. Auch hier niemals ein Hineintragen des
Gedanklichen, Gefühlsmäßigen in die Formgestaltung
, sondern ein verborgener Prozeß, in
dem ohne Umschweif tiefstes Empfinden, aus
Notwendigkeit zu optischen Vorstellungen drängend
, sich in den Hieroglyphen von Umrissen
und Innenlinien, in den Symbolen weißer Flächen
spiegelt.

Das ist es, was an Münchs Gesamtwerk überwältigt
: die Einheit der künstlerischen Anschauung
, die alles bindet. Und insofern grüßt
der Nordländer den Romanen Cezanne: daß
er in jeder Äußerung, mit welchen Mitteln sie
auch niedergelegt, von welchem Außeneindruck
immer sie angeregt ward, sein inneres Weltbild
gestaltete. Ein Weltbild voll Ehrfurcht und Anklage
, voll Angst und Sehnsucht, voll von Geheimnissen
und Verzweiflung. Die Wehrlosigkeit des
Menschen, die Unzulänglichkeit der uns bekannten
Welt, der Jammer des Unlösbaren, wird
bekannt und im Bekennen, das Gräßlichstes
nicht verschweigt, so weit überwunden, wie es
den Bewohnern dieser Provinz des Unendlichen
gegönnt ist. Münch braucht zu alledem keine
Gewaltsamkeiten. Er braucht keine hilflose Zuflucht
zu fernen, exotischen oder primitiven
Mustern, kein Zurückzwingen in erklügelte
Ursprünglichkeit. Aus der Natur wächst ihm
das Übernatürliche. Aus dem Alltag das Allgemeine
. Aus dem Wachen der Traum. Aus hellem
Tag das Nächtliche. Aus dem Irdischen das
Kosmische. Sogar aus der Überlieferung das
Neue. Es bedarf keiner Umkehr, keines jähen
Abbrechens, keines gewaltsamen Zerschneidens,
sondern im Gegebenen, Einfachen, Naheliegenden
wuchs und stieg seine eigne, nur ihm gehörige
, nur von ihm deutbare Welt herauf. Was
Vergangenheit und Gegenwart geschaffen, gedacht
, gefühlt und gekämpft, floß in diesen
rätselhaften Menschen, um sich in seinem Blut,
seinem Herzen, seinem Hirn, in der schaffenden
Kraft seiner Hände zu einem neuen Gesamtbild
von unerhörter Größe und Geschlossenheit
umzuformen.

Max Osborn

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