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teten Nachlaß einen Teil zur öffentlichen Ausstellung
zu geben, ist mit dankbarer Anerkennung
zu begrüßen. Der Zufall, der eine Anzahl der
wichtigsten Bilder von Louis Kolitz an einen
in München lebenden Verwandten gebracht hat,
möge es weiterhin günstig fügen, daß diese erstmalige
Ausstellung der Galerie Heinemann in
der sonst an den menschlichen und künstlerischen
Wegen, die Louis Kolitz beschritten hat,
unbeteiligten Stadt München wie eine Ehrenpforte
dastehe für eine gerechte Würdigung des
bisher schmählich übergangenen Künstlers.
Dem schlichten Lebenslauf von Louis Kolitz
entspricht eine um so reichhaltigere künstlerische
Produktion, die bei allen ihren vielfachen
und vielseitigen Wandlungen ihre feste, unverrückbar
gehaltene Basis im Anschluß an die
Lehren der späteren Düsseldorfer Schule beibehält
. Der gebürtige Tilsiter (also Landsmann
Lovis Corinths) war als Siebzehnjähriger 1862
zu Karl Sohn und Oswald Achenbach gekommen
, nachdem er kurze Zeit an der Berliner
Akademie studiert hatte. Wir vermissen in der
Ausstellung leider entsprechende Zeugnisse der
Schulzeit, die höchst wichtig wären, um das
ursprüngliche Talent im Zusammenstoß mit den
Beschränkungen der Düsseldorfer kennen zu
lernen. Denn das Entscheidende, später im Ausgleich
der gegenseitigen Einflüsse minder Deutliche
liegt darin, daß hier eine von Hause aus
naturalistische Begabung sich geflissentlich einer
in vornehmer Zurückhaltung durchgebildeten,
sehr kultivierten Atelierkunst und ihren erprobten
technischen Mitteln gegenüberstellte. Und
der Umfang dieser Begabung verhinderte sodann,
daß Kolitz in den wesentlichen Eigenschaften
seiner Kunst der dekorativen Unmännlichkeit
verfiel, die, an Stelle der romantischen Stimmungsregsamkeit
Lessings und Schirmers tretend
, die Fähigkeiten ihrer Nachfolger immer
stärker herabgedrückt hat. In dieser unzweifelhaft
richtigen Beleuchtung bildet sich das differenzierte
Problem Kolitz zu einerneuen Erkenntnis
der Düsseldorfer Malerei um.
Dennoch verpflichtete sich Kolitz für immer
der weichen Vortragsweise der Sohn-Schule und
der flüssigen, in allen Skalen organischen Farbenreichtums
beglückt schwelgenden Palette Achenbachs
. Auch sein Gefühl unterlag von da an,
vor allem bei der aufmerksamen Pflege der kosmetischen
Mittel, der in Düsseldorf zu stets
tonigerer Verfeinerung traditionell bewahrten
rein koloristischen Form der bewußt schönen
Malerei, aber ohne der Grazie seiner Bildnisse
einen novellistischen oder affektierten Zug beizumischen
. Das „Bildnis der Gattin" im schwarzen
Kleid mit vorgesteckten Rosen greift über
das Können der damaligen Düsseldorfer in der
Strenge seiner Auffassung hinaus und ist doch
gleichzeitig die schönste Zusammenfassung aller
um 1870 dort gebundenen malerischen Kräfte,
ist in den harmonischen Akkorden seiner vorzüglichen
Malerei eine Meisterleistung deutscher
Kunst.
Kann man da nicht beinahe von Selbstentäußerung
sprechen? Wohl, wenn nicht gleichzeitig
die unterdrückte naturalistische Erkenntnis
, die Kolitz immer wieder aufgerüttelt und
fortgetrieben zu haben scheint, zu Auseinandersetzungen
mit verwandten künstlerischen Elementen
geführt haben würde, deren Beobachtung
nach seinen Gemälden für die weitere
Verfolgung der künstlerischen Laufbahn dieses
außerordentlich komplizierten Menschen merkwürdig
ist. Größere Studienreisen gaben ihm
willkommenen Anlaß zur Bekanntschaft mit der
französischen und der belgischen Kunst. Zunächst
wird folgerichtig der im Düsseldorfer
Atelier geglättete Realismus vor Courbet zurückschrecken
, um dafür an den eleganten Darstellungen
von Gustave Ricard und Alfred Stevens,
aber auch den öligen, überdunklen Silhouetten
der Ribotschen Modellierungsunart Gefallen zu
finden. Es müssen sich aber in diese Eindrücke
dann zweifellos Erinnerungen an Rubens und
Pieter Brueghel hineingedrängt haben, denn dem
konventionellen Ribot waren niemals Bildnisse
gelungen, wie sie am Ende der siebziger Jahre
Kolitz von seinen Kindern gemalt hat, ganz im
schweren, ein wenig befangenen Stil der Hül-
senbeckschen Kinder von Philipp Otto Runge:
kerndeutsch, nicht kräftig genug, um in der
angestrebten Monumentalität einen eigenen Stilwillen
zu bekunden (den Kolitz nirgends so ausgesprochen
wie hier dokumentiert hat), und der
repräsentativen Geste abhold.
Nur wenige Jahre liegen zwischen diesen Bildern
und dem obengenannten Porträt der Gattin.
Und es vergehen wieder nur wenige Jahre, da
stehen wir plötzlich vor weiteren Bildnissen der
Kinder, die neuerdings eine virtuose Innerlichkeit
der mit erlesenem Geschmack gewonnenen
malerischen Beziehungen zum Ausdruck bringen,
gleich darauf vor genreartig ausgearbeiteten,
feinste malerische Anmut in reinen Freilichttönen
überzeugend wiedergebenden Arbeiten,
die auf ein Studium Bastien Lepages und
Uhdes deuten (diese sämtlichen Bilder aus
Kassel Anfang bis Mitte der achtziger Jahre,
das letzte und schönste die „Lesende Dame"
von 1887). Vorher aber schon war, in Fortsetzung
der mit dem eingangs erwähnten
„Tuilerienhof" begonnenen, erst in reizvollen
Studien, dann in größerem Format gewagten
impressionistischen Versuche, der „Tanzplatz"
vollendet worden, der wie ein nach Renoirs sei-
Die Kunst für Alle. XXXV.
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