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Kompositionen auch der Landschaftsmalerei huldigen
. Doch wich er hierin von der Auffassung
seiner Umgebung ganz und gar ab. Er schwelgte
in hellen, luftig-duftigen Tönen und war bestrebt
, seine Eindrücke in breiten Flächen und
mit künstlerischer Offenheit wiederzugeben. In
München wurde er damals von den meisten
verlacht. Doch seine Freunde: Leibi, Max, Viktor
Müller anerkannten laut seine Ursprünglichkeit
und koloristische Begabung.
Diese Jahre in der Piloty-Schule hinterließen
in Szinyei unauslöschliche Eindrücke. Piloty
selbst hielt er für das Muster eines hervorragenden
Meisters, und in seinen Briefen an den
Vater erhielten wir beredte Bilder des Lebens
in der Schule Pilotys. (S. „Die Briefe eines Pi-
loty-Schülers", Jahrgang 1910 dieser Zeitschrift.)
Eine entscheidende Wendung hat im Leben
Szinyeis aber die 1869 er internationale Ausstellung
in München herbeigeführt. Dieser war
bei der Ausgestaltung der modernen Malerei
überhaupt eine wesentliche Rolle beschieden.
Der auf die Toneinheit gestimmte Stil hat dort
seinen Siegeszug gehalten. Die Schule von Bar-
bizon, namentlich aber Courbet waren es, die
diesen Stil begründet hatten. Der Meister selbst
kam nach München, wo sich die Jugend um ihn
scharte. Szinyei stand an seiner Seite, als er am
Ufer des Starnberger Sees eine Landschaft malte.
Die Schöpfungen der französischen Meister, doch
auch die machtvolle Persönlichkeit Courbets
selbst übten auf Szinyei eine tiefe Wirkung.
„Ich war erstaunt," schreibt er an seinen Vater,
„wie sehr die Werke der französischen Künstler
mir Recht gegeben haben. Es scheint also,
daß ich doch kein so schlechtes Auge habe,
wie viele behaupten wollen. Courbet und die
Franzosen haben mich in meiner eigenen Auffassung
vollkommen bestärkt." Aus dieser Zeit
stammen seine blendend farbigen Skizzen und
einzelne Bilder, wie „Liebespaar" (1870), „Wäscherinnen
" (1869), „Die Schaukel" (1869),
„Mutter und Kind" (1869), „Szinyei" (1869)
(Abb. S. 376), deren frisches Farbenleben von
Lenz, Heiterkeit, lustiger Jugend beredtes Zeugnis
ablegen. Seine Farben glühten, als hätten
sie mit einem Male Feuer gefangen. Es begannen
bei ihm auch die meist toten Schatten der
konventionellen Malerei Farbe anzunehmen.
Dieses Jahr war starker Impressionen voll, die
ihn dermaßen aus dem gewohnten Geleise brachten
, daß er, wie er seiner Mutter schreibt,
„nur schauen, staunen und lernen konnte; zu
arbeiten vermochte ich nicht". Er reiste auf
kurze Zeit nach Venedig, wo ihn Veronese,
„dieser alte Pleinairist", in Bande schlug.
Unterdessen brach der Deutsch-Französische
Krieg aus, und er kehrte heim; nach dem
Friedensschluß aber sucht er bald wieder München
auf, mit offenen Armen aufgenommen
von seinen Freunden Leibi und Gabriel Max.
Dem Zufall war im Leben Szinyeis eine große
Rolle zugeteilt. Sein Ateliergenosse wird Böcklin,
der überrascht die koloristischen Bestrebungen
des jungen Ungarn wahrnimmt. Das gemeinsame
Ideal bringt sie zusammen. „Der schönste
und glücklichste Teil meines Lebens war der",
schreibt Szinyei in seiner Selbstbiographie, „wo
ich mit dem wahren Künstler, einem der größten
Maler des vorigen Jahrhunderts, täglich
in tiefer, inniger Freundschaft und in gutem
Einverständnis verkehren konnte.
Hier in München malte er im Winter 1872,
nebst zahlreichen kleineren Skizzen, wie „Idyll",
„Spaziergang in Tutzing", „Verliebter Schäfer",
„Mein Atelier" (Abb. S. 372), „Badehütte" (Abb.
S. 369), „Rokoko", sein großes Bild, das „Maifest
" (Abb. S. 371). Böcklin war von dem Feuer
der Farben gefangengenommen, das er durch
Kontraste, durch die Relationen der Farben zueinander
, durch die Valeurs zu steigern bemüht
war. Er spornte auch Szinyei zu diesem
Studium an. Dieser folgte ihm, machte jedoch
vor der grellen Buntheit jenes Halt. Er
wollte sich die Farbeneinheit bewahren und
suchte andere Möglichkeiten der Harmonie.
Die Lösung war nur im getreuen Ausdruck
des Lufttones zu suchen. Und damit ist er ein
Vorläufer der Freilichtmalerei*).
Noch ehe er mit dem „Maifest" auftrat, stellte
sich Szinyei in München auf der Weltausstellung
von 1869 mit seinem Gemälde „Faun"
vor; wirkliches Aufsehen aber begann er in
den Ausstellungen des Kunstvereins zu erregen.
„Einer von der äußersten Linken", bemerkte
die Kritik. Man mochte dann ruhig über seine
reinen Farben spotten, seinen Himmel „Rote
Rüben-Sauce" nennen, seinen grellen Kolorismus
angreifen, — Böcklin ermutigte, seine Genossen
würdigten ihn. Das war ihm Beruhigung genug.
So fühlte er sich auf dem richtigen Weg, der
Erfolg konnte nicht ausbleiben.
Wie er sich täuschte!
Er sandte das Werk auf die 1873er Wiener
Weltausstellung, doch hängte man es dort so
hoch, daß der gekränkte Künstler nach der
Eröffnung der Ausstellung die Entfernung des
Bildes durchsetzte. Verbittert zog sich Merse
nach Jernye zurück.
Lange Jahre künstlerischer Unfruchtbarkeit
folgten. Erst zehn Jahre später machte er
einen neuerlichen Versuch, zunächst in Wien,
dann in Budapest. Allein auch diesmal war
ihm ein Mißerfolg beschieden. Kritik und Pu-
*) S. Bela Läzär : Paul Merse von Szinyei. Ein Vorläufer
der Pleinairmalerei. Leipzig, Klinkhardt & Biermann 1911.
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