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füllende Licht als einheitlicher Ton, wodurch
das Ganze Stil bekommt.
In seiner zweiten Epoche — nachdem er während
der langen Untätigkeit diese Frische des
Sehens eingebüßt hatte — hat er alles von
vorne anfangen müssen. Daher kommt es, daß
zu Beginn das übertriebene Häufen von Formen
in seine Werke Härten hineintrug, von
denen er sich nur schwer freizumachen vermochte
. Doch gerade dieser Umstand verhalf
ihm zu einem mächtigen konstruktiven Können,
zu einer vollkommenen Beherrschung der Formen
. Hierauf gründete er dann seinen neuen
Stil, der aus der von dem Detail stufenweise
zur großen Vereinfachung gelangte, wie es sein
Lieblingsschriftsteller Nietzsche fordert: „Die
Künstler sollen nichts so sehen wie es ist, sondern
voller, sondern einfacher, sondern stärker
..." (Nachgelassene Werke, 359.)
Auch dieser neue Stil baute sich auf die
Farbe auf, doch verbarg sich dahinter ein machtvolles
konstruktives Können, das seine Wurzeln
in der unendlich genauen Beobachtung
aller Einzelheiten der Natur hatte. Szinyei
kannte Anatomie, Form, Farbe aller Bäume,
Sträucher und Blumen. Er pflegte zu sagen,
daß er am liebsten auf der Straße ausstellen
möchte, denn er wolle die Illusion wecken, daß
sein Werk ein Stück Natur sei. Doch er wußte
auch, daß das Streben nach der Illusion der
Natur nicht zur Nachahmung der Natur führen
darf. „Eine genau abgezeichnete, in den Farben
genau wiedergegebene Sache wirkt ganz anders
auf der Leinwand als in Wirklichkeit. Hingegen
gibt ein gewandt hingeworfener Farbenfleck
dem Auge durchaus die Illusion, den Gegenstand
selbst zu sehen!" Und auf dem Gebiete
dieses Illusionsweckens bot er in seinem
neuen Stil Staunenswertes. Farbenfleck neben
Farbenfleck, ohne Tonalität, einzig und allein
durch die haarscharfe Wertung der Farben,
scheinbar ohne jedes Bearbeiten, wußte er trotzdem
die tiefsten Wirkungen auszulösen gerade
durch diese ihm eigene erstaunliche Vereinfachung
. Er wird unfehlbar im Erkennen des
Wesentlichen. Seine Kunst ist ein Vorbild synthetischen
Sehens.
Auf dieser Stufe stand der Meister, als ihm
der Tod den Pinsel aus der Hand schlug. Gebrochenen
Herzens, fern der Hauptstadt, stieg
er in sein Grab, in Jernye, auf dem Landsitz
seiner Ahnen. Allein diese Scholle war nicht
mehr ungarisch, und von Scham gerötet sah
Szinyei zu, wie seine Heimat der Erbfeind als
Lohn für schändlichen Verrat verwüstet.
Dr. Bela Läzär
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