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RICHARD LANGER DIE FLIEHENDE (MODELL FÜR BRONZE)
Große Kunstausstellung Düsseldorf 1920
Wir sind indes traditionslos. Neuschöpfung
wird also den Parvenügeruch nicht leicht abschütteln
können. Das Dilemma hat einen
leicht erkennbaren Grund: man will nicht mehr
Stile, sondern den Stil, und glaubt daß ein
solcher bewußt entstehen könne. Der sogenannte
Jugendstil seligen Angedenkens hätte
Warnung sein können. Unmöglichkeit, hinter
eine Entwicklung einen Strich zu machen und
Neues zu dekretieren. Auch im alten Überlebten
stecken brauchbare Elemente, selbst dann, wenn
man Vergangenes mit Recht als falsch betrachtet
; aber schließlich wurde dieses Werturteil
nur deshalb gewonnen, weil man inzwischen
den Vorteil der Distanz für sich hatte. Der
notwendige Kampf der Schaffenden um ihr
Werk, den sie innerlich führen, wird umgemünzt
in Kunstpolitik, betrieben von kritischen
Analytikern, die damit eine öffentliche Angelegenheit
betreiben wollen. Ihre Stellung ist
so stark, daß sie bereits beginnen, Richtlinien
aufzustellen, Gesetze zu erlassen. Man braucht
gar nicht so weit gehen und ihnen den guten
Glauben abzusprechen. Aber genau so wie
früher der Schlachtruf gegen Akademie und
Zopf erhoben wurde, heißt es schon jetzt auf
der Wacht stehen. Principiis obsta! Denn
schließlich würde die Entwicklung dasselbe zeitigen
, was man früher mit Recht fanatisch bekämpft
, Regeln und blutlose Schemen, Hineinpressung
des Individuums in artfremde Schranken
, Beschneidung der Freiheit und Verbote.
Der Schaffende trägt die Gesetze in sich. Je
höher er steht, um so strenger sein Maßstab.
Sein Ausdruck wird der einer Zeit und einer
Weltanschauung; automatisch, ohne daß er
mit der Absicht herangeht, „ich schaffe einen
neuen Stil". In einzelnen .Charakterbildern erkennt
die Geschichte Epochen. Nicht anders
in der Kunst. Der große einzelne ist nötiger
wie eine Organisation. Zeitgemäß scheint freilich
solche Anschauung nicht. Aber schließlich
ist Organisation nichts anderes wie der Schutz
der Mittelmäßigen. Daß diese ein Recht zu leben
haben, kann auch in der künstlerischen Welt nicht
abgeleugnet werden, so lange sie nicht mit jenen
Ansprüchen auftreten, die nur das Genie stellen
darf. Auch für Talente ist Platz, und von vorn-
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